Zusammenleben - “Soziologie“

– über die unerfreulichen Begleitumstände Teil der Gesellschaft zu sein

 

Über den grundlegenden Orientierungsfehler, bei aller Vielfalt unter den Menschen völlig uneinsichtig jeden Menschen nur in eine einzige Schublade tun zu wollen

Die Realität der Parallelgesellschaften

Individuell realisierte Mitmenschlichkeit, individuell realisierte Unmenschlichkeit dokumentiert anhand von Fallbeispielen

Der blinde Fleck der Soziologie

Gesellschafts-Brimborium

Ein Schaf kann niemals ein Wolf sein – Mengenlehre kontra Soziologie

Eingrenzung und Bestimmung des Bösartigen als eine individuell „endogen“ verankerte Charaktereigenart

Die überaus unterschiedlichen Wesenszüge der einzelnen Menschen im Zusammenleben – im Kern ein Lehrstück der Evolution   

Das Böse ist nicht überall: Verwirrgeschehen in Soziologie und Philosophie

Die goldene Regel in Theorie und Praxis

Von Schafen und Wölfen, Widdern und Hyänen

 

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Über den grundlegenden Orientierungsfehler, bei aller Vielfalt unter den Menschen völlig uneinsichtig jeden Menschen in nur eine einzige Schublade tun zu wollen   

Wir sind nun einmal  unabwendbar unverzichtbar Gemeinschaftswesen. Unsere Erfahrungen, unsere materiellen Daseinsbewältigungs-Leistungen – dieses und so noch vieles mehr bei allen Daseinsherausforderungen vollbringen wir ganz selbstverständlich nur in einem gemeinschaftlichen Zusammenwirken.

Diese ganz nüchterne Feststellung „der Mensch von Natur aus als Gemeinschaftswesen“ ist bei allen weiteren Überlegungen immer wieder mit einzubeziehen, wenn man sich vernünftig mit irgendwelchen Fragestellungen zur Existenz des Menschen auseinandersetzen will. Dabei ist noch niemals in einem ersten Schritt bereits im Vorwege schon darüber zu befinden, ob hieraus von vornherein besondere Verpflichtungen abzuleiten sind oder ob hier ein Freiraum geschaffen sein sollte, bei dem ein Jeder sich darin üben und austoben kann, mit List und Trickserei die größten Vorteile für sich herauszuholen.

Denn das ist erst eine weitere grundlegende Frage, die sich erst in einem weiteren Schritt im Zusammenhang mit einer weiteren „elementaren Analyse“ etwas entschiedener durchleuchten lässt. Es geht dabei dann erst um die „wesensmäßige Beschaffenheit des Menschen“.

Auch in diesem Punkt beginne ich nicht mit Einschätzungen, wie sie weit verbreitet mehr oder weniger spekulativ in Wunschvorstellungen vorkommen oder sich über lange Zeit verfestigt haben. Sondern ich halte mich an das, was die – im weitesten Sinne – praktische Erfahrung über das Wesen des Menschen hergibt.

Es finden sich bei uns, bei „dem Menschen“ also, einfach bei allen Menschen, die unterschiedlichsten Wesenseigenarten. Man mag „den Menschen“ noch so sehr nur auf eine ganz bestimmte Eigenart hin klassifizieren wollen – wenn man erst mal in die Details geht hat die Einheitlichkeit des Menschen eín Ende. Dann stößt man im Detail auf die bewundernswertesten Wesenseigenarten unter den Menschen oder auch auf  das verabscheuenswerteste Verhalten ( -mit zahlreichen Abstufungen selbstverständlich und je nach Blickrichtung, aus der heraus eine solche Beurteilung erfolgt).

Bei einer der üblichen pauschal geltenden Beurteilungen „des Menschen schlechthin“ kommt sowas natürlich nicht vor. Da ist der Mensch vornehmlich einfach nun einmal nur immer die Krone der Schöpfung und als solche rundum mit einer Wertigkeit wie z.B. „Würde an sich besitzend“ ausgestattet. – Derartige pauschal geltenden Beurteilungen haben aber – meine ich - lediglich sicherzustellen, dass unter den Menschen ein jeder Mensch niemals von vornherein nach irgendwelchen äußerlichen Merkmalen oder von äußerlichen Lebensbedingungen her in Sachen „die Würde eines Menschen“ klassifiziert werden darf. Denn es hat sich ganz einfach ganz entschieden die Grundhaltung durchgesetzt, dass ein jeder Mensch die gleichen Grundrechte, die gleichen Lebensrechte hat – völlig unabhängig davon, welcher Rasse er angehört, wie seine äußeren Lebensverhältnisse beschaffen sind und was sonst noch an äußeren Begleiterscheinungen mehr im Lebensgeschehen anzutreffen sein mögen.

Nein, mir geht es hier um die Frage: Was bringt denn ein einzelner Mensch selbst mit seinen ganz individuellen Wesenseigenarten in das Zusammenleben ein? D.h.: Wenn er nun schon einmal („zwangsläufig“) Beteiligter in der Gemeinschaft ist – wie wirkt sich seine „Wesensart von Beteiligung“ auf das Zusammenleben aller miteinander aus? Denn alle weiteren Fragen nach verantwortlichem Handeln des Menschen, nach Verschulden, auch nach bewundernswerten Leistungen müssen – meine ich – dort anknüpfen, wo und wie der einzelne Mensch mit seinem tatsächlichen Verhalten in Erscheinung tritt.

Noch einmal kurz zurück zu der Aussage: Es finden sich bei uns, bei „dem Menschen“ also, einfach bei allen Menschen die  unterschiedlichsten Wesenseigenarten. – Wir kennen die ausgiebige Diskussion darüber, was alles verantwortlich dafür sein könnte, wenn im Miteinander der Menschen nicht alles nach Wunsch läuft. Und es wird dann dabei auch immer wieder eine immense Ursachen-Ermittlung betrieben, wenn ein kaum erklärbares abwegiges Verhalten partout von vorgegebenen äußeren Einflüssen her dafür eine Erklärung finden soll, dass es überhaupt zu so offenkundig abwegigem Verhalten kommen konnte. Aber bei allem, was hier auch immer zur Diskussion stehen mag – ich gehe einfach davon aus, dass die Verhaltens-Wesensart des Menschen nun einmal nicht unerheblich immer bei einem jeden Einzelnen von einer ganz individuell jeweils innewohnenden bestimmten Eigendynamik gesteuert wird.           

Es gibt eine individuelle Eigendynamik, die lässt die Menschen, die davon „beseelt“ sind, im Großen und Ganzen friedfertig und verträglich sein: Es gibt einen Hang zu einer weltoffenen Toleranz, es gibt eine Mitmenschlichkeit, bei der man generell für einander einzustehen bereit ist. Hierfür hat sich in Schlagzeilen herauskristallisiert: Diese Menschen verhalten sich in aller Friedfertigkeit wie Schafe.

Aber dann doch auch dieses Phänomen: Diese an sich friedfertigen Menschen erleiden das Schicksal, der Angriffslust und Aggressivität anderer Menschen ausgesetzt zu sein. Dieses Phänomen wird inzwischen immerhin auch zur Kenntnis genommen und so findet sich für die Gesamtsituation die Bezeichnung: Von Schafen und Wölfen.

Auf diese Thematik will ich immer wieder zurückkommen. Wenn man sich nach meiner „Klassifizierung“ schon einmal zu den „Schafen“ rechnen darf oder rechnen muss, dann muss man damit nicht gleich auch in die Rolle „dummes Schaf“ geraten. Denn man erweckt ja lediglich dem äußeren Verhalten nach den Eindruck, zu den „dummen Schafen“ zu zählen, „mit denen man machen kann was man will“. Was natürlich nicht stimmt – man muss nur auf all diese Zusammenhänge aufmerksam genug sein!       

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Die Realität der Parallelgesellschaften

Meine ganz eigene Sicht auf das Zusammenleben unter den Menschen ist: Es gibt hier unter den Fähigkeiten, Veranlagungen, Begabungen eine Unterschiedlichkeit und Vielfalt, die unaustauschbar ist. Wir können und müssen zwar jedem einzelnen Menschen zugestehen, dass er uneingeschränkt und völlig gleichberechtigt sein Existenzrecht neben und unter allen anderen Menschen hat. Aber das bedeutet doch niemals zugleich auch, dass damit all seine persönlichen individuellen Besonderheiten, Veranlagungen, Eigenarten egalisiert werden. Jeder entfaltet sein eigenes Leben auf seine eigene Weise – und jeder muss dann auch danach gewertet werden, was jeweils konkret dabei zustand kommt.

Und daraus folgt, dass es bei näherer Betrachtung niemals eine „einheitliche Gesellschaft“ gibt. Man kann sich bei so einer Einsicht auf unterschiedliche Weise mit dem Zusammenleben aller Menschen beschäftigen.

Man kann die Verschiedenartigkeit vernachlässigen und nur in großen Zahlen rechnen. Dann gelangt man zu Aussagewerten über die Gesellschaft, die wie bei einer Grobeinteilung quantitativ gemessen werden können – nach allen möglichen Mengen und Gruppierungen. Das darf aber niemals dazu führen, dass man dabei die Verschiedenartigkeit, die es nun einmal  unter den Menschen gibt, vernachlässigt. Es müssen zumindest immer die Regeln der Mengenlehre eingehalten werden: Jede logische Rechenoperation ist möglich, jede beliebige Zuordnung darf vorgenommen werden. Daraus kann dann auch je nach Bedarf jedes angestrebte quantitative Ergebnis abgeleitet werden. Aber es darf niemals ignoriert werden, dass man dabei mit unterschiedlich beschaffenen Einzelelementen rechnet. Jeder einzelne Mensch bleibt was er ist und geht niemals durch ein „statistisches Zusammenrechnen“ gesichtslos  ununterscheidbar in der Menge auf. (Ich kann die Mengen bestimmter qualitativer Eigentümlichkeiten selbstverständlich auch „quantitativ“ erfassen wollen, aber auch das darf nicht zu einem „Zusammenmischen“ von Unterschiedlichem führen.)

Daneben kann man aber auch die Verschiedenartigkeit der einzelnen Menschen zur Kenntnis nehmen wollen und sich damit dann - mit einer tatsächlich völlig andersartigen Zuordnung -  in ein qualitatives Werten begeben. Bei dieser Vorgehensweise jedoch entscheidet immer die „qualitative Einzigartigkeit“ darüber, wie der einzelne Mensch in seiner ganz eigenen Persönlichkeit für seinen Einfluss auf das Zusammenleben einzuschätzen ist.

Aus all dem leite ich das Theorem von der Realität der Parallelgesellschaften ab.      

Vieles an individuellen Eigenarten spielt sich bunt gemischt im allgemeinen Zusammenleben ab ohne größeren Einfluss auf die gesamten Gesellschaftsstrukturen: Mosaikartig ergibt sich hier ein Gesamtbild, zusammengesetzt aus zahlreichen -  letztlich dennoch unverwechselbaren – individuellen Einzelelementen: Es gibt die Kreativen, die Leidenschaftlichen, die Sorgsamen, die Nachlässigen, die Faulen, die Fleißigen, die Uneinsichtigen – jeder meist verfestigt in seiner Charaktereigenart, aber ohne dass durch eine solche Vielfalt die Gesamtstruktur ernsthaft beeinträchtigt wäre.

Jedoch eine ganz bestimmte Charaktereigenheit hat hier eine einzigartige Ausnahmestellung: Es handelt sich um die individuell charakterlich völlig unterschiedlich geartete Ausprägung in Sachen Mitmenschlichkeit. Denn je nachdem, ob hier bei einem Menschen eine verfestigte Aufgeschlossenheit für echte Mitmenschlichkeit gegeben ist oder ob eine Neigung zur Mitmenschlichkeit individuell bei einigen Menschen einfach als „wesensfremd“ erkennbar wird, hat das Zutagetreten dieser „zwiespältigen“ Charaktereigenart („Mitmenschlichkeit/Negieren von Mitmenschlichkeit“) die eklatant unterschiedlichsten Auswirkungen auf das Zusammenleben in der Gesellschaft.         

„Aufgeschlossenheit für echte Mitmenschlichkeit“ oder „Frontstellung gegen wirksame Mitmenschlichkeit“ – je nachdem, wie verbreitet diese Charaktereigenarten unter den Menschen anzutreffen sind, entscheidet sich damit auch ganz elementar das Wohl und Wehe der gesamten Menschheit. Und diese absolut verschiedenartigen Charaktereigenarten sind - behaupte ich – in jedem einzelnen Menschen unaustauschbar individuell verankert. – „Tugend ist nicht lehrbar“, mit dieser Einsicht müssen wir seit Sokrates Zeiten leben. (Auf den Punkt gebracht ist es diese Einsicht: Sokrates entwickelt schlüssig und überzeugend in seinen Dialogführungen, dass es für jeden Einzelnen nichts Kostbareres geben kann als ein tugendhaftes Leben. Aber gerade der Umstand, dass es „seit allen Zeiten“ unter den Menschen immer auch das übliche und verbreitete Nichtbefolgen dieser in sich selbst schlüssigen Theorie gibt, beweist, dass sich das reale Geschehen kaum entscheidend von bewundernswert schlüssigen Theorien beeinflussen lässt.) Die Erziehung des Menschengeschlechts“, wie oft und intensiv wurde daran schon von humanistisch gesonnenen Menschen gearbeitet – mit dem Resultat, dass die fürchterlichsten Gräueltaten unter den Menschen nicht nur aus ferner Vergangenheit überliefert sind, sondern dass uns die unausdenkbarsten Gräueltaten unter den Menschen auch hautnah aktuell in miterlebter Zeitgeschichte begegnen. Das ist die nicht wegzudiskutierende tatsächliche Faktenlage (sehr komprimiert vor Augen geführt u.a. in „SCHWARZBUCH DER WELTGESCHICHTE/5000 Jahre der Mensch des Menschen Feind“ von Hand Dollinger, KOMET – etwa 2001). Und woran liegt das? Sind alle Menschen gleichermaßen schlecht? Sind alle gleichermaßen von Natur aus gut? Sind sie von Fall zu Fall insgesamt je nach äußerlicher Beeinflussung zur größten Grausamkeit oder zu einer erhebenden Mitmenschlichkeit fähig? Die Antwort lautet: Derartige Einschätzungen gehen völlig an den tatsächlich bestehenden Wirklichkeitsgegebenheiten vorbei und führen zu absolut irrigen Vorstellungen über „die Menschheit als Ganzes“.  

Für einen allumfassenden Draufblick gibt es alles in allem nur eine einzig ganz einmalige „Spezies Mensch“ – wenn man denn in punkto „Mensch“ überhaupt alles in einen Topf zu werfen versucht. Sobald man aber versucht diese Spezies „Mensch“ etwa in einer völlig gleichwertigen Gesamtheit unter dem Begriff „die Gesellschaft“ zusammenzufassen, kommt man zu völlig unzutreffenden Einschätzungen. Es gibt bei vernünftiger Betrachtung in den wesentlichen Merkmalen niemals „die eine homogene Gesellschaft“. Es gibt in den wesentlichen Merkmalen eines einerseits echten Zusammenwirkens oder einer andererseits konstant bewirkten Zerrissenheit nur das ganz reale Vorhandensein von zwei Parallelgesellschaften.

Es  gibt da einerseits die Menschen mit der Charaktereigenschaft, grundlegend und generell einander zu tolerieren, ja, möglichst für jeden Anderen einstehen zu wollen. Und es gibt andererseits die Menschen, für die eine Toleranzoffenheit wesensfremd ist; sie verfügen charakterlich nicht über die Bereitschaft, die Anderen generell als gleichberechtigte Mitmenschen zu werten, anzuerkennen.

Nur in diesem einen Punkt stehen wir tatsächlich vor dem Phänomen einer „ eklatant gespaltenen Gesellschaft“. In allen übrigen Wesenszügen des Menschseins gibt es ein sozusagen völlig unauffälliges Nebeneinander im Zusammenleben der Spezies Mensch. Es gibt die Kreativen, die Intelligenten, die Unbegabten, die Leidenschaftlichen, die Sorgsamen, die Nachlässigen, die Faulen, die Fleißigen, die Uneinsichtigen – aber von Niemandem mit derartigen Wesenseigenarten wird man zutreffend sagen können, ob er wegen gerade dieser Wesenseigenart generell offen ist für Mitmenschlichkeit oder ob er eine Frontstellung einnimmt gegen Mitmenschlichkeit, Mitmenschlichkeit also missachtet. Die in diesem einen Punkt tatsächlich vorzufindende unterschiedliche Charaktereigenart zieht sich hin durch alle sonstigen charakterlichen Wesenseigenarten, zieht sich auch durch alle sonstigen Unterschiedlichkeiten unter den Menschen hin. Welcher Schicht ein einzelner Mensch auch immer angehört, welchem Geschlecht, welcher Rasse – überall ist diese „Parallelität einer konträr vorhandenen gegensätzlichen Gesinnung in Sachen Menschlichkeit“ anzutreffen.        

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Individuell realisierte Mitmenschlichkeit, individuell realisierte Unmenschlichkeit dokumentiert anhand von Fallbeispielen

Je nach individuell verfestigter Charaktereigenschaften gibt es in der Menschheitsgeschichte unzählige Fallbeispiele für tatsächlich praktizierte Mitmenschlichkeit und für tatsächlich praktizierte Unmenschlichkeit.

… Die Aufzählung der Fallbeispiele ist in Vorbereitung, zu den Fallbeispielen zählt z.B. dieses:

# In der „Nazi-Zeit“ wurden die Juden systematisch verfolgt und vernichtet soweit der Machtbereich des Hitler-Regimes reichte. Und in diesem Machtbereich gab es immer wieder auch solche Menschen, die den verfolgten Juden Schutz boten – unter Gefahr für das eigene Leben.

# Das Massaker von My Lai: Während des Vietnamkrieges war US-Militär (am 16.3.1968 eine Infanterie-Brigade) über die Dorfbevölkerung hergefallen und tötete alles, was mit Waffeneinsatz nur irgend zu töten war (503 Zivilisten begleitet von speziellen Unmenschlichkeiten wie Vergewaltigungen). Kaum ein Soldat verweigerte – unter Leitung des Lieutenant Colonel Frank A. Barker - den Befehl zum Mord. Lediglich der Hubschrauberpilot Hugh Thompson erzwang die Verschonung von elf Frauen und Kindern mit der Drohung, die mordbereiten Soldaten durch seinen Bordschützen unter Feuer zu nehmen.

Aus all dem lässt sich ganz klar ableiten: Unmöglich lässt sich „unter der Menschen“ eine Pauschal-Unmenschlichkeit oder eine Pauschal-Mitmenschlichkeit feststellen: Unmenschlichkeit einerseits und Mitmenschlichkeit andererseits sind individuell verfestigte Charaktereigenschaften, die sich nicht in irgendwelchen soziologischen Zusammenfassungen relativieren oder ununterscheidbar „vereinheitlichen“ lassen. Weitere Einzelheiten hierzu nachfolgend unter anderem in dem Text: „Die überaus unterschiedlichen Wesenszüge der einzelnen Menschen im Zusammenleben – im Kern ein Lehrstück der Evolution“.     

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Der blinde Fleck der Soziologie 

Wir sind von Natur aus Gemeinschaftswesen. Das Zusammenleben der Menschen miteinander zählt zur größten Selbstverständlichkeit im menschlichen Dasein.

Was wir aber „kulturell“ daraus machen, welche Bewertungen das in der uns geläufigen Anschauungswelt erfährt, das hat in einigen wesentlichen Punkten doch erhebliche Schwachstellen.

Ich versuche diese Einschätzung herauszuarbeiten unter  dem Kernmotto „der blinde Fleck der Soziologie“.

Nach meiner Auffassung leidet man in der Soziologie an einer höchst bedeutsamen punktuellen Wahrnehmungsstörung: Die individuelle charakterliche Eigensteuerung des Menschen wird als reale Gegebenheit sträflich vernachlässigt. 

Die eigentlichen Spezialitäten der Soziologie dürften kaum in Frage zu stellen sein: Sämtliche „Erhebungen“, sämtliche Daten-Erfassungen und –Sammlungen sind bis aufs Äußerste ausgefeilt und bewähren sich als ein unentbehrliches Rüstzeug, um die wirtschaftlichen und sozialen Belange der Gesellschaft zutreffend einschätzen und lenken zu können.

Aber dieser Wissenschafts-Bereich konzentriert sich gezielt auf die sozusagen nur „äußere Mechanik“ des Menschheitsgeschehens: Das Funktionale in jeder nur irgend erfassbaren Form ist der entscheidende Forschungsgegenstand.

Und das ist auch die Ursache zahlloser Missverständnisse und Probleme: Zu wenig und zu selten wird deutlich gemacht, dass die Soziologie dann nicht mehr zum Zuge kommen kann, wenn es um Fragen geht, die über „das rein äußerliche Funktionieren der Gesellschaft“ hinaus zielen. Verkürzt ausgedrückt – es gibt die verbreitete Auffassung: Durch den „Fundus Soziologie“ sind mir die Mechanismen innerhalb der Gesellschaft weitgehend vertraut, also weiß ich nun auch überhaupt alles über den Menschen und die Gesellschaft… - Eine signifikante Kurzsichtigkeit, die an „Schmalspurigkeit“ kaum zu übertreffen ist. Aber hieraus resultiert dann auch gleich das nächste Missverständnis und die nächste Problematik: Weil man überzeugt ist, bei dem Kenntnisbereich des rein Funktionalen alles bestens im Griff zu haben, verkürzt man alle Anwendungen in Sachen Gesellschaft auf dieses rein Funktionale; das geschieht dann oft radikal inklusive der Lösung aller Menschheitsfragen.

Der entscheidende Fehler bei dieser Vorgehensweise: Soweit die Geschehnisse in der Gesellschaft nicht nur von diesen „äußeren Umständen“ abhängen sondern soweit es hier unter den Menschen auch eine bestimmte dynamische innere Eigensteuerung gibt, die die unterschiedlichsten „selbstbestimmten“ Resultate hervorbringen kann, kann die Methodik der Soziologie unmöglich umfassend gültige Aussagen über das Verhalten des Menschen machen.

Wenn es unter den Menschen derart verfestigte Charakterzüge gibt, deren „innere Dynamik“ in die eine oder aber (je nach Individuum) in die total andere Richtung drängt, dann wird insoweit jeder einzelne Mensch dementsprechend auch auf die äußeren Umstände und Einflüsse reagieren: Er ist kein beliebig formbares Objekt oder Subjekt. Wie er sich formen lässt, in welcher Richtung er sich beeinflussen lässt, das hängt dann immer ganz entscheidend von seiner ganz individuellen Wesenseigenart ab.

Seit den Überlieferungen zu Sokrates gibt es die bittere Erfahrung, dass Tugend nicht lehrbar ist. Und bei dieser bitteren Erfahrung hat es kaum einen Sinn pauschal an z.B. das Moralempfinden der Gesellschaft zu appellieren, wenn auf Grund der individuellen Eigenart  eines jeden Einzelnen derartige Appelle immer völlig ins Leere zu gehen drohen.

Zum besseren Verständnis in Sachen „problematischer Knackpunkt bei der Soziologie“ der Versuch einer überaus vereinfachten Veranschaulichung. – Um den Unterschied zwischen der „äußeren Mechanik“ und der „inneren Dynamik“ zu verdeutlichen greife ich immer wieder gern auf das sehr vereinfachte Modell „über die innere Wesenheit der Atome“ zurück: Stellen wir uns eine Theorie vor, nach der die wahrnehmbaren Dinge dieser Welt sich nicht endlos zerkleinern lassen sondern in ihrer allerletzten Teilbarkeit als unteilbare Atome verbleiben müssen, dann könnte man nach einer  solchen Theorie natürlich auch folgern, dass so ein elementares Atom-Gemenge zu allen bekannten Ausformungen im Makrobereich führt – je nachdem, wie die „gedachten Atome“ gerade miteinander reagieren, welcher Ausformung sie gerade ausgesetzt sind. Dieses alles nur als eine „erfundene Atomtheorie“, wie sie sich vielleicht aus der Philosophie des Demokrit ableiten ließe.

Aber wir wissen es inzwischen – dass nämlich alle wahrnehmbaren Dinge dieser Welt tatsächlich (vereinfacht gesagt) aus Atomen aufgebaut sind. Diese Atome aber sind nicht beliebig formbar, sind nicht in großer Beliebigkeit zu allen nur denkbaren Reaktionen befähigt. Sondern jede bekannte Atomart hat  ihre ganz bestimmte unveränderbare „eigene Ausprägung“, mit der sie als jeweils diese spezielle Atomart  „bei genauem Hinsehen“ im gesamten Atomgefüge unverwechselbar ihre ganz eigene Dynamik offenbart. Im Makrobereich scheint die Wesenheit der verschiedenen einzelnen Atome kaum noch eine Rolle zu spielen, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wusste man noch nichts Zuverlässiges über eine mögliche Beschaffenheit von Atomen und konnte trotzdem in allen Bereichen von z.B. der Technik zu einwandfreien Ergebnissen kommen. Erst mit der Entdeckung der Atom-Strukturen selbst wurden Rätsel gelöst und Zusammenhänge klar, die zuvor ausgeklammert blieben: Jede einzelne Atomart hat ihre ganz eigene potenzielle Eigendynamik. Wenn man die Reaktionen im Stofflichen bis zur Wurzel zurück verfolgt, stößt man auf die Unterschiedlichkeit der einzelnen Atomarten.

Mit diesem vereinfachten Beispiel will ich also verdeutlichen: Angenommen die einzelnen Menschen in der Gesellschaft sind nicht nach äußeren Abhängigkeiten beliebig formbar. Sondern je nach den verfestigten unterschiedlichen Charakterzügen eines jeden Einzelnen wird sich ein Einzelner bei der äußerlichen Beeinflussung auch immer unterschiedlich verhalten, unterschiedlich reagieren. - Dann kann „die Soziologie“ mit ihrer etablierten Vorgehensweise auch nicht  alles über alle Menschen, alles menschliche Verhalten aussagen. Lediglich das gesamte Räderwerk im gesamten Menschheitsgetriebe ist mit den Mitteln der Soziologie erfassbar. Welchen Anteil der einzelne Mensch daran dann hat, welche Schicksale sich aus den jeweils verfestigten  Charakterzügen eines jeden einzelnen Menschen ergeben, das liegt außerhalb der Methodik der Soziologie. (Bei kritischen „Bestandsaufnahmen“ innerhalb der Soziologie wird dieses Dilemma durchaus auch eingeräumt.)

Aber das große Fragezeichen bleibt doch immer: Warum diese verbreitete Blindheit der Soziologie, wenn es darum geht, dass die Menschen nun einmal „bei näherer Betrachtung“ immer Individuen sind, die je nach charakterlicher Eigenartigkeit von den äußeren Lebensbedingungen her eben nicht immer unbedingt beliebig formbar sind. Diese - doch immerhin mögliche und zulässige – Fragestellung bleibt bei der Soziologie weitgehend ausgeklammert, wird als „Forschungsgegenstand“ geradezu blindlings ignoriert.     

Mich interessiert nun aber gerade vor allem dies: In welchem Ausmaß jeder einzelne Mensch mit unterschiedlichen Befähigungen ausgestattet ist.

Dieses unbedingt ohne Einschränkungen von dem Standpunkt her, dass völlig unabhängig von einer derartigen Unterschiedlichkeit einem jeden Menschen selbstverständlich die gleichen Grundrechte auf Leben und Entfaltungsfreiheit zuzubilligen sind. Aber wenn es dann darum geht, wie das Verhalten eines jeden Einzelnen im Miteinander einzuschätzen ist, dann lässt sich gerade in diesem Punkt die Vielfalt der vorzufindenden unterschiedlichen Befähigungen nicht ignorieren. Und dazu zählt auch, dass eben die charakterlichen Eigenarten jedes einzelnen Menschen  im Kern ganz individuell ausgeprägte Befähigungen sind. Wie hier dann z.B. je nach Charaktereigenart der Beteiligten ein friedliches Zusammenleben möglich wird oder wie hier Instabilität und Zerstörung zustande kommen können, das hängt in einem ganz erheblichen Ausmaß von der jeweiligen charakterlichen Eigenart jedes Einzelnen ab.

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Gesellschafts-Brimborium    

Es gibt, wie man weiß, immer wieder irgendwelche empörenden Vorkommnisse im Zusammenleben. Und dann doch auch einen zu beobachtenden recht eigenartigen Bewältigungsmechanismus: Wenn man nicht mehr richtig weiter weiß, zieht man den Joker „die Gesellschaft“ und erklärt den Spielablauf für erledigt. Diese Art Auseinandersetzung mit so vielen unerfreulichen Vorgängen im Zusammenleben mutet dann wie ein reines Unterhaltungsspiel an. Es wird unbekümmert (und eigentlich recht gedankenlos) der Joker gezogen:  „Die Gesellschaft soll...“, „die Gesellschaft hat...“, „ein Versagen der Gesellschaft...“ usw. usf. Also meist, wenn irgendetwas im Argen zu liegen scheint, dann wird zur Schadensbegrenzung „die Gesellschaft“ beschworen – das reicht völlig. Bloß nicht ganz bestimmte Adressaten für die Beschwörungsbotschaft benennen, bloß nicht wirklich Ross und Reiter nennen. Nein. Als Schuldigen kann man immer den Joker „die Gesellschaft“ einsetzen – und schon ist man fein raus.  

Ich dagegen gehe ganz einfach davon aus, dass es nun einmal unter den Menschen im Zusammenleben die unterschiedlichsten veranlagungsbedingten Verhaltenssteuerungen gibt. Und je nachdem, welche dieser unterschiedlichen individuellen Verhaltenssteuerungen im Zusammenleben das Übergewicht gewinnen, kann man für alles auch insgesamt Stabilität erwarten – oder auch die katastrophalsten Entwicklungen. Demnach käme es eben darauf an, ob in ausreichendem Maße von Natur aus friedfertig gesonnene Menschen bestimmend sind. Oder ob diejenigen, die von Natur aus zerstörerische Neigungen haben, im Zusammenleben gerade mal wieder die Weichen stellen.

Leben und leben lassen - das sollte die wichtigste Maxime im Miteinander sein, wenn es als einigermaßen stabil und friedlich gedacht wird. So meine Grundeinstellung. Und bei dieser Maxime dann vor allem: "leben lassen". Das ist für mich das elementar entscheidende Maß, wonach immer zu beurteilen wäre, ob der Einzelne sich im Miteinander verträglich verhält.

Du kriegst aber immerfort von fast allen Seiten um die Ohren gehauen, wenn mal wieder irgendwo irgend so eine Schweinerei passiert, was in dieser Gesellschaft doch alles möglich ist; in dieser Gesellschaft! Und wie diese Gesellschaft doch derartige Schweinereien einfach so hervorbringt (die Gesellschaft ist der Übeltäter! - als eigentlicher Verursacher aber nicht etwa die genau auszumachende Person oder der genau auszumachende Personenkreis...).

Ich frage mich, wieso irgendwelche Mitmenschen - sehr verbreitet - zu so einem gedankenlosen Stumpfsinn fähig sind. Wieso soll sich unterschiedslos jeder Einzelne über so eine primitive Generalisierung, nun einmal unbestreitbar Teil der Gesellschaft zu sein, irgendeine beliebige Schweinerei zurechnen lassen, die irgend jemand in dieser Gesellschaft zuwege bringt und für die dieser Jemand dann auch gefälligst selbst einzustehen hat?       

Zur Lebenswirklichkeit gehört es, dass der einzelne Mensch in seinem Verhalten selbstverständlich auch von den äußeren (Lebens-) Bedingungen her gesteuert wird. Und das Wechselgeschehen von äußeren Einflüssen und den darauf folgenden Reaktionen unter den Menschen; dieses Wechselgeschehen lässt sich dann auch recht zuverlässig registrieren und „schablonenhaft“ dokumentieren. Aber ich habe hierzu einfach meine ganz eigene Anschauung: Auf den einzelnen Menschen bezogen verhält es sich so, dass der Einzelne – je nach seinem Naturell – individuell völlig anderen Antriebssteuerungen folgen kann, als sich nach der vorherrschenden Beeinflussungs-Bedingtheit erwarten ließe... Und das ist das Phänomale, was mich viel stärker fasziniert als „die großen Strömungen in der Gesellschaft“, die man im übrigen wohl durchaus wahrzunehmen vermag. Mich fasziniert es vor allem, mitzuerleben, dass sich Einzelne nicht wie Marionetten gefügig entsprechend den großen Strömungen bewegen. Sondern sich oft als sehr rätselhaft agierende Wesen erweisen, die von Einzelfall zu Einzelfall zu sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen imstande sind. Und mich wundert  es dann, was der Einzelne je nach seinem Naturell so alles zu vollbringen vermag.    

Selbstverständlich existiert im Miteinander der Menschen "die Gesellschaft" ganz real. "Die Gesellschaft" ist die Art und Weise des Zusammenschlusses der ihr zugehörigen Menschen. Es ist die jeweilige Staatsform mit den ihr jeweils formal zukommenden Strukturen und Gesetzen. Es sind die Angehörigen dieses Staates mit der Art und Weise der Einbindung in diesen Staat. Die generellen Verpflichtungen jedes Einzelnen im Zusammenhang mit dieser Einbindung bestimmen formal, was von der Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen erwartet wird.  Aber sehr weit von diesen gesellschaftlichen Verpflichtungen entfernt gibt es ganz konkret und unaustauschbar die jeweilige Eigenentfaltung jedes Einzelnen. Und was er dann bei dieser Eigenentfaltung - in der Gemeinschaft - tut und lässt, das geschieht letztlich immer in seiner ganz eigenen Verantwortung; seine höchst eigenen Verfehlungen in diesem Bereich kann er überzeugend nicht allein „der Gesellschaft" anlasten wollen.

Und es gehört zum Zusammenwirken der Einzelnen in der Gemeinschaft selbstverständlich auch das Phänomen der Massenbewegungen; es werden in der Massenbewegung anscheinend alle in Richtung eines jetzt dominierenden Beweggrundes vorangetrieben und hinweg gerissen. Aber auch hier kommt man zu fehlerhaften Einschätzungen, wenn man dabei die Motivation jedes beteiligten Einzelnen und seine Eigenverantwortung völlig unberücksichtigt lassen will. Gerade bei den Massenbewegungen sollte man das Phänomenale eben dieser Massenbewegung selbst nie aus den Augen verlieren; nur sollte ganz klar sein, dass sich Massenbewegung nicht in sich selbst erschöpft sondern nur ein besonderer Handlungsanreiz für die vielen Einzelnen ist, die daran beteiligt sind. Ich schätze diese Zusammenhänge so ein: Der Mensch lebt nun einmal in Gemeinschaft. Und da gibt es wohl immer ein vorherrschendes Richtungsgeschehen. In dieses Richtungsgeschehen sind dann alle Beteiligten mehr oder weniger eingebunden. Die einen tragen es aktiv mit, bestimmen hier auch selbst die Leitlinien. Die anderen verhalten sich hier eher passiv teilnehmend, folgen nur widerstrebend oder fühlen sich dem Richtungsgeschehen ziemlich hilflos ausgeliefert. – Wir haben es hier im Zusammenleben also so zu sagen mit einer Art Dualität zu tun. Es gibt hier in diesem Geschehen ganz klar eine Zweiseitigkeit, Doppelheit, eine Vertauschbarkeit. Das bestimmende, übergreifende Richtungsgeschehen besitzt alle äußerlichen Merkmale einer allseitigen Gemeinsamkeit. Und das mag man dann gern auch mit „die Gesellschaft“ bezeichnen; insoweit gibt es eben auch umfassend augenfällige Merkmale einer allseitigen Gemeinsamkeit. – Wie weit jeder Einzelne sich dann aber  mit dieser anscheinend alles umfassenden Gemeinsamkeit identifiziert, sie mitträgt oder sich auch gegen sie auflehnt – das bleibt immer eine ganz individuelle Haltung und wird immer von einer jeweils ganz individuellen Gesinnung getragen. Insoweit ist ein jeder Einzelne niemals beliebig austauschbar und völlig gesichtslos Teil einer allumfassenden Gesellschaft, er bleibt von seinen ganz eigenen Lebensvorstellungen her in der Gemeinschaft ein teilhabender – aber nicht „automatisch“ auch unbedingt konformer – Einzelner.

Und so entwickle ich in diesem Punkt meine eigene Weltsicht: Es lässt sich so dann auch deutlich danach aufgliedern, wer zielgerichtet aktiv die Massenbewegung vorantreibt und dabei z.B. eindeutig katastrophale Entwicklungen verschuldet - und wer so auch mitschuldig wird, weil er verantwortlich dieses aktive Tun fördert. Und wem keine Schuld zuzurechnen ist, weil er sich aus den zielgerichtet katastrophalen Entwicklungen heraus hält oder sie sogar zu verhindern sucht. Ein Gesamt-Mitverschulden aller bei so einem katastrophalen Geschehen gibt es nicht! Diese völlig klare Sachlage sollte immer im Auge behalten werden – und wenn es hierzu noch so viele verworrene und widersprüchliche Meinungen gibt denke ich. Es bleibt z.B. bei einer jeweiligen Staatszugehörigkeit ohne ein Gesamt-Verschulden allenfalls die Gesamt-Haftung aller, weil sie einem solchen Staatswesen zugehörig mithaftend – nicht in jedem Fall mitverantwortlich – für die entstandenen Schäden und Schädigungen aufzukommen haben. Für das Gesamtgeschehen selbst aber wird es – insoweit durchaus zutreffend – immer ein pauschales Bewerten, Beurteilen, Verurteilen geben: Beim Gesamtgeschehen hat man es eben mit „dieser Nation“, „dieser Gesellschaft“, „dieser Gruppierung“ usw. zu tun. Und da ist dann jeder irgendwie Zugehörige zunächst immer auch einer solchen Gesamt-Beurteilung, Gesamt-Verurteilung ausgesetzt, da gilt zunächst immer einmal das pauschalierende „Mitgefangen/Mitgehangen“ – nicht im Sinne eines „Verschuldens in Gesamtheit“ aber immer im Sinne einer „Gesamt-Haftung“.

Aber bei einer solchen „pauschalierenden Betrachtungsweise“ darf es niemals „im gleichen Atemzug“ auch zu einer pauschalen Schuldzuweisung kommen; was bei jedem Einzelnen nur irgend an Verantwortungsbewusstsein, an tatsächlichem Verschulden, an bewundernswerter Charakterfestigkeit ausgemacht werden kann, das ginge bei einer solchen oberflächlich-pauschalierenden Betrachtungsweise völlig unter. Wer so „pauschalierend“ verfährt, erweist sich als inkompetent, bei „Schuldzuweisungsfragen“ ernsthaft mitreden zu können.     

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Ein Schaf kann niemals ein Wolf sein – Mengenlehre kontra Soziologie

Wir finden uns, sobald wir das Licht der Welt erblicken, in einem Zusammenleben vor. Und sobald wir die Welt etwas näher verstehen lernen stellen wir fest, dass es da immer wieder mal gerade mit dem Zusammenleben nicht zum Besten bestellt ist. Darüber hat sich die Menschheit wohl seit jeher den Kopf zerbrochen: Zwar von Natur aus zum Zusammenleben verurteilt – aber dabei dann auch den größten Konflikten und menschengemachten Katastrophen ausgesetzt sein; wie kommt das? Welche Erklärung gibt es dafür?

Hierzu habe ich jetzt eine ganz eigene Theorie entwickelt, die ich allen weiteren Ausarbeitungen zugrunde lege.

Ich mache hierzu einfach die folgenden Denkschritte: Gäbe es unter allen Menschen nur eine Mitmenschlichkeit, so könnten im Zusammenleben kaum größere Konflikte und katastrophale Entwicklungen entstehen. Gäbe es unter allen Menschen nichts anderes als ein ungebremstes rücksichtsloses Verhalten, dann würde es kaum zu einem Stillstand bei allen kämpferischen Auseinandersetzungen kommen: Wo immer irgendwer von seinem Lebensraum her auf die Anwesenheit anderer stieße, müssten Mord und Totschlag die Folge sein. - Die Realität der Menschheitsgeschichte ist aber: Niemals hat es über größere Zeiträume oder in größeren Regionen eine ausreichende Konfliktlosigkeit gegeben; genau so wenig herrschten jedoch auch jederzeit und überall nur Mord und Totschlag.

Das also ist die vorzufindende Realität in der Menschheitsgeschichte. Ich habe für dieses Phänomen nur die Erklärung: Es gibt unter den Menschen eben ganz einfach die unterschiedlichsten charakterlichen Veranlagungen. Und  je nachdem, wie diese Veranlagungen „gestreut sind“, kommen auch die entsprechenden Resultate zustande: Behält das friedlich gesonnene Wirken im Miteinander die Oberhand, dann mit der Folge eines insgesamt erträglichen Zusammenlebens. Setzen sich dagegen  die Kräfte im Gesamtgeschehen  durch, die zerstörerisch ein friedliches Miteinander zunichte machen, dann wird ein erträgliches Zusammenleben unmöglich.

Ich stelle also darauf ab, dass es von den tatsächlich vorzufindenden unterschiedlichen charakterlichen Ausprägungen der Menschen abhängt, ob im gesamten Zusammenleben eine konstante Stabilität zu erwarten ist oder ob  - in krasser Zuspitzung – mal wieder ein „selbstgemachtes Chaos“ über die Menschheit hereinbricht.        

Eine entscheidende Weichenstellung zu all diesen Überlegungen ergibt sich aus einer Fundstelle in „Zwischenstufe Leben/Evolution ohne Ziel?“ von Carsten Bresch. Auf diese Fundstelle komme ich in mehreren meiner Texte immer wieder zurück.  Es heißt bei Carsten Bresch: „Stellen wir uns irgendeine weitverbreitete Tierart vor. Sie wird Pflanzen oder Tiere fressen und ihrerseits Beute für andere Tiere sein. Selektion hat dafür gesorgt, dass die Hemmung zur Tötung von Artgenossen im Erbgut verankert wurde. Dieses Erbgut ist ständigen Mutationen ausgesetzt, von denen die meisten negative Folgen haben. Es werden also Mutanten auftreten, deren Aggressionen sich ungehemmt gegen Artgenossen richten. Diese ‚Defekt-Mutanten‘ sind zunächst auf ein gewisses Areal beschränkt. Vergleichen wir nun die Nachkommenzahl in diesem ‚Killer-Areal‘ mit der im übrigen ‚friedlichen‘ Gebiet, so wird sich die aggressive Population, da sie sich gegenseitig umbringt, insgesamt weniger vermehren als die friedliche, die nur durch äußere Feinde und nicht zugleich ‚von innen‘ bedroht ist. Die geringere Vermehrungsrate der Killer bedeutet aber deren langsames Verschwinden. Die Friedlichen haben den Selektionsvorteil.“  - Es lassen sich jetzt zwei bedeutsame Folgerungen aus diesem Text ableiten, die ich als sehr entscheidend für das menschliche Miteinander werte. Erstens: Es ist jeweils vor allem im Erbgut verankert, ob man nun einerseits gerade durchweg friedlich gesonnen ist oder ob man – je nach „Erbgut-Veranlagung“ - anderenfalls seinesgleichen konstant zu dezimieren sucht. Zweitens: Anscheinend ist der Mensch dann eben auch ein Musterbeispiel dafür, dass Lebewesen mit der unterschiedlichsten Ausstattung von „Erbanlagen“ ihr Leben  sehr individuell zu entfalten vermögen: Alle Verhaltensformen, die nicht den Untergang der Menschheit durch menschliches Handeln selbst bewirken, können nebeneinander her individuell unterschiedlich bestehen.   Damit tritt beim Menschen nicht ein, was Bresch für das Geschehen unter den Tieren folgert „Die Friedlichen haben den Selektionsvorteil“. Sondern: Solange es nicht geschieht, dass durch die übermäßige Vermehrung der „Killer“ die gesamte Menschheit ausgerottet wird, wird es ein „ewiges Nebeneinander“ von „Killern“ und von „Friedfertigen“ geben. (Für denjenigen, der sich mit diesen Überlegungen noch etwas intensiver beschäftigen möchte, noch der kurze Hinweis auf die Textstelle bei Bresch: „Nun gibt es aber die Auserwählten, die ‚Könige‘ unter den Tieren, die zwar andere Tierarten fressen, aber selbst - wegen des elterlichen Schutzes – nicht einmal als Jungtiere anderen Arten  als Beute dienen. Für diese Arten an der Spitze der Nahrungspyramide gelten andere Selektionsregeln als für alle übrigen…“ Die zuvor entwickelten Folgerungen lassen sich hier noch entsprechend weiter fortführen.)                

Meine Überlegungen richten sich gegen die verbreitete Tendenz, jedem in der Gesellschaft – gesichtslos – alles zuschreiben zu wollen, was sich im Bewertungsbereich nur irgend über jedermann streuen lässt. Und ich möchte den Blick dafür schärfen, dass es nun einmal unverwechselbar unter den Menschen die charakterliche Klassifizierung nach „Schafen“ und nach „Wölfen“ gibt.

Hierzu jetzt ein kleiner Ausflug in die Mengenlehre – weil von daher doch einige grundlegende Klärungen in diesem Punkt möglich sind. Denn nach der Methodik der Mengenlehre ist nachweisbar: Es lässt sich sehr exakt aufzeigen, dass man einerseits mit jeder beliebig zusammengewürfelten Menge nach klaren mathematischen Regeln beliebig rechnen kann. Dass dabei aber dennoch die jeweilige Wertigkeit, Qualität, Besonderheit der einzelnen Elemente der zusammengefassten Menge – konsequent „zu Ende gerechnet“ - niemals zu einer ununterscheidbaren Einheit vermengt werden kann. (Rechnet man z.B. mit einer Menge zusammengesetzt aus Goldstücken, Salatköpfen und Bierflaschen, dann kann man hier fast beliebig mengenmäßig vervielfachen oder teilen – die einzelnen Elemente dieser Menge bleiben aber immer Goldstücke, Salatköpfe und Bierflaschen.) – Was wir dagegen aber beständig bei dem geläufigen Umgang mit dem Begriff „die Gesellschaft“ für das Zusammenleben in der Gemeinschaft wahrnehmen müssen, mündet oft in einer grandiosen Gedankenlosigkeit: Die unter dem Begriff „Gesellschaft“ zusammengefasste Menge soll einerseits einmal aufgefasst werden als geradezu gesichtslos, als ein in jeder Hinsicht beliebig formbarer Einheitsbrei (nach der Mengenlehre also bestehend aus nur völlig gleichwertigen Elementen). Dann aber wieder soll es in genau dieser Menge wieder doch – versteckt vielleicht? – sehr unterschiedliche Elemente geben; Einzelne, die gegenüber einem Gesamtgeschehen zu besonderen Einzelleistungen fähig sind, durch die sie sich merklich aus dem Gesamtgeschehen herausheben. Aber dann wird in einer solchen „soziologischen Mengenlehre“ doch auch wieder so getan, als seien es nun doch nicht die Einzelnen, die sich im Gesamtgeschehen durch eine ganz individuelle Leistungsfähigkeit herausheben, sondern als sollten sie nun doch wieder ununterscheidbar zu dem Einheitsbrei „die Gesellschaft“ zählen.

Diese Ausführungen mögen als etwas verunglückt und von daher als unverständlich anmuten. Ich versuche bei allem aber nur exakt die Absurdität der „soziologischen Mengenlehre“ herauszuarbeiten: Sind nun alle Mitglieder in einer Gesellschaft charakterlich als völlig gleichgeartet  aufzufassen? Was sollen dann aber die Appelle an ein erforderliches besonderes Engagement Einzelner? Es sind nach so einer „Ausgangs-Hypothese“ doch alle charakterlich völlig gleich und somit niemals geeignet für eine besondere charakterliche Ausnahmeleistung. -  Oder stimmt so eine „soziologische Ausgangs-Hypothese“ einfach nicht? Dann mag man soziologisch die Gesellschaft in allen beliebigen Ausarbeitungen erfassen wie man will – welche Wertigkeit der Einzelne in der Gesellschaft überhaupt nur haben kann, das entzieht sich dann bei einer solchen pauschalierenden soziologischen Erfassungsweise – „völlig unentdeckbar“ – der Soziologie. (Hierzu als Anmerkung der Hinweis auf einen Kernsatz der Mengenlehre in „Knauers Buch der modernen Mathematik“: „… Aber auch unser ungewöhnliches ‚Arsenal‘ von Gegenständen, das vom Mimen bis zum Planeten reicht, ist eine mathematische Gesamtheit, eine Menge im Cantorschen Sinne. Denn: Eine Menge M ist genau dann definiert, wenn von jedem beliebigen Gegenstand oder Ding, von jedem ‚Objekt unserer Anschauung oder unseren Denkens‘, feststeht, ob es Element der Menge ist oder nicht …“. D.h.: Jeder, der bei dem allseits so sehr geläufigen Begriff „die Gesellschaft“ alle nur denkbaren Elemente zusammenschmeißen und zu einem Einheitsbrei verrühren will, sollte sich bewusst sein, dass er damit jeden Anspruch aufgibt, aus so einem Einheitsbrei wieder irgendwelche von vornherein klar bestimmbaren unverwechselbaren Elemente herausfiltern zu können: Menschen mit einer bestimmten individuellen charakterlichen Befähigung kommen in so einem ununterscheidbaren Einheitsbrei „Gesellschaft“ nicht vor, die individuelle Besonderheit eines jeden Einzelnen ist der „Ideologie einer beliebig manipulierbaren Masse“ geopfert.)

Mit meinen Darlegungen möchte ich klar machen, dass sich niemand von dem geläufigen Dauergeschwätz zu den „gesellschaftlichen Anforderungen an die Gesellschaft usw. usf.“ beirren lassen sollte. Die Verantwortung für das eigene Tun und Handeln liegt immer noch bei jedem Einzelnen. Geht etwas in der Gesellschaft schief, dann ist immer eine akribische Ursachenerforschung angebracht: Wer genau hat denn nun wieder mal rücksichtslos ein Unheil im Menschheitsgeschehen angerichtet?

Schafe können niemals Wölfe sein - auch wenn man per Wortakrobatik „Verschulden der Gesellschaft usw. usf.“ jedem Einzelnen immer wieder mal einen Anteil an irgendeinem Verschulden in die Schuhe zu schieben sucht, völlig unabhängig davon, ob bei einem Einzelnen tatsächlich ein Verschulden, ein Mitverschulden gegeben ist.

„Wölfe“ transportieren auf diese Weise immer wieder mal die Schuldzuweisungen sehr raffiniert in Richtung „Schafe“! - Wer schuldhaften Verstrickungen Einhalt gebieten möchte sollte mindestens diese Zusammenhänge durchschauen. Ich werde auf diese Thematik immer wieder zurückkommen.                                  

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Eingrenzung und Bestimmung des Bösartigen als eine individuell „endogen“ verankerte Charaktereigenschaft 

Was als das Bösartige einzuschätzen ist hängt natürlich immer von dem Standpunkt des Einzelnen ab, der hierzu eine Bewertung vornehmen will. Wer z.B. in den festgefügten Verhaltensformen uralter Traditionen befangen ist ist nur zu geneigt alles als bösartig abzutun was mit seinen Traditionen nicht in Einklang zu bringen ist.

Ich will mich auf das Bösartige als ein Phänomen von allgemeingültiger Bedeutung festlegen. Maßstab ist für mich einfach das Zusammenleben der Menschen. Was ein Einzelner anrichtet ohne dabei anderen auch nur irgendwie (direkt oder indirekt) in die Quere zu kommen, kann nie als „Bösartiges“ Bedeutung gewinnen. Denn erst die Auswirkungen des „Tun-und-Lassens“ Einzelner gerade im Miteinander der Menschen können sich ziemlich konkret als schädlich (oder natürlich auch als nützlich) erweisen.

Das Elend als unausrottbares Begleitgeschehen in der Menschheitsgeschichte ist durchweg menschengemacht. Inwieweit es zu diesem andauernden Begleitgeschehen kommt, dafür kann als Prüfstein die goldene Regel gelten, die Regel: Niemandem zuzumuten wovor man selbst verschont bleiben möchte, und jedem anderen auch das zu gönnen was einem selbst für die Lebenserhaltung wichtig ist.        

Daher muss die Verfestigung der Grundrechte gegen eine zunehmende Elendsentwicklung als ein Lichtblick in der Menschheitsgeschichte gewertet werden. Die Verfestigung  der Menschenrechte als Richtschnur für ein mögliches stabiles Zusammenleben ist eine sehr pragmatische Konkretisierung der Jahrtausende alten goldenen Regel unter den Menschen.

Ich leite aus all diesen Vorgaben ab, wo der Grund für das menschengemachte Elend in der Welt zu suchen ist. Der Grund ist: Die Verletzung der goldenen Regel durch einzelne Menschen, die Missachtung der Grundrechte anderer, die Missachtung der allgemeinen Menschenrechte.

So „auf den Punkt gebracht“ ist die Suche, das Aufspüren-Wollen von etwas gravierend Vorwerfbaren unter den Menschen in irgendwelchen anderen Dimensionen völlig abwegig. „Gut und Böse“ – das findet nach allgemeingültigen Maßstäben eine zutreffende Antwort immer nur in dem konkreten Miteinander - wer dabei zur Friedfertigkeit neigt und wer demgegenüber andere in der Lebensentfaltung unangemessen behelligt.

Man kann es drehen und wenden wollen wie man will, Tatsache ist (jetzt einmal nur die Extrembespiele) – es gibt die Menschen mit der charakterlichen Eigenart, „keiner Fliege was zuleide zu tun können. Und es gibt – völlig anders geartet – die Menschen, die „von Natur aus“ zu jeder Bösartigkeit den anderen gegenüber fähig sind und damit auch ganz konkret  in Erscheinung treten.

Ich behaupte, dieses unterschiedliche „Befähigtsein“ ist „angeboren“ unter den Menschen gestreut vorhanden, vergleichbar dem wie die einzelnen Menschen individuell überhaupt die unterschiedlichsten „angeborenen“ Befähigungen zeigen können. Ob Musikalität, zeichnerische Begabung, besonderes Rechentalent, athletische Höchstleistung usw. usf. – all diese unterschiedlichen „Talentierungen“ sind ganz offenkundig weit gestreut über die Menschheit verteilt  und dabei eben individuell einigen von Natur aus besonders intensiv mitgegeben, anderen überhaupt nicht. Dieses Phänomen von individuell unterschiedlicher Begabung wird auch ganz allgemein als eine Selbstverständlichkeit zur Kenntnis genommen. Nur bei der einen – generell völlig gleichgelagerten – Sachlage, dem von Natur aus individuell unterschiedlichen Befähigtsein zur „Gutartigkeit“ oder (abweichend) zur „Bösartigkeit“, da beginnt das eigentlich unbegreiflich  große Rätselraten, ein unablässiges Kopfzerbrechen darüber, warum nicht alle Menschen (wie so sehr gern rein hypothetisch vorausgesetzt) gleichermaßen „gut“ sind. Und warum es immer wieder auch „das Böse“ unter den Menschen gibt.

Ich behaupte, so eine Hypothese wie etwa die, der Mensch an sich sei von Natur aus einfach gut (und das gesamte Verwirrspiel, das aus so einer Hypothese folgt),  ist ganz einfach unzutreffend. Nein, die Menschen sind ganz einfach von Natur aus unterschiedlich begabt; der einzelne Mensch ist (um es begrifflich klar zu kennzeichnen) im Zusammenleben „endogen gutartig“ oder er ist „endogen bösartig“ veranlagt. Mit dieser Einsicht müssen wir uns abfinden, wenn wir bei der Problematik von „gut und böse“ überhaupt vorankommen wollen.                       

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Die überaus unterschiedlichen Wesenszüge der einzelnen Menschen im Zusammenleben – im Kern ein Lehrstück der Evolution

Es gibt in der – im weitesten Sinn – Geistesgeschichte eine „ewige“ Auseinandersetzung darum, ob der Mensch von Natur aus „gut“ ist oder wie eine Bestie beschaffen. Die Problematik dieser Auseinandersetzung ist nichts anderes als eine Schein-Problematik. Warum Schein-Problematik? Nun – der Grund hierzu und die Auflösung: Das scheinbare Problem ergibt sich allein aus einer unzureichenden Erfassung der tatsächlichen Zusammenhänge. Tatsächlich verhält es sich ganz einfach so: Die Spezies Mensch hat nicht in völliger Einheitlichkeit den Hang zum Guten. Die Spezies Mensch tendiert auch nicht in völliger Einheitlichkeit „in Richtung Bestie“. Den Menschen bei all diesen Deutungsversuchen nur in einer völlig gleichgearteten Einheitlichkeit erfassen zu wollen beruht auf einer völligen Fehleinschätzung über das individuell unterschiedlich geartete Wesen einzelner Menschen.

Den entscheidenden Hinweis zu diesem Zusammenhang habe ich bei dem „Evolutions-Wissenschaftler“ Carsten Bresch gefunden. Carsten Bresch, Zwischenstufe Leben/Evolution ohne Ziel? (Fischer Taschenbuch Verlag 1979 usf. - C. Bresch, u.a. 1968 Lehrstuhl für Genetik an der Universität Freiburg, Autor des Standardlehrbuchs „Klassische und molekulare Genetik“):

„Irgendwann vor 2 bis 5 Millionen Jahren wurden in Afrika Menschenaffen zu Menschen. … Der Übergang ist kein Sprung. Keine der speziell menschlichen Eigenschaften entstand über Nacht. Keine war allein für die schnelle Weiterentwicklung verantwortlich. Aber es ist schwer, die Hypothese zu widerlegen, dass die Menschen selbst durch Kampf untereinander – durch Ausrottung unterlegener Gruppen das wichtigste Werkzeug eigener Selektion waren. Wir wollen sehen, wie es dazu kam.  

Überall im Tierreich gibt es Kämpfe unter Artgenossen. In den allermeisten Fällen zieht sich der Schwächere dabei zurück… Bei hochstehenden Arten haben sich außerdem ‚Demutsgebärden‘ entwickelt… All dies führt dazu, dass im Tierreich das Töten von Artgenossen eigentlich nur als gelegentlicher Unfall vorkommt.

Dennoch ist der Kampf um Leben und Tod unter Artgenossen kein ausschließliches Privileg des Menschen. Löwen zum Beispiel, die einem altgewordenen Rivalen die Weibchen abgenommen haben, können dessen Nachkommen töten… Wie ist solches Verhalten zu erklären? Ist das Töten von Artgenossen nicht der Artausbreitung schädlich und damit im Widerspruch zum sonst beobachteten Prinzip der Selektion? Um diesen scheinbaren Widerspruch zu klären, müssen wir etwas weiter ausholen.

Stellen wir uns irgendeine weitverbreitete Tierart vor. Sie wird Pflanzen oder Tiere fressen und ihrerseits Beute für andere Tiere sein. Selektion hat dafür gesorgt, dass die Hemmung zur Tötung von Artgenossen im Erbgut verankert wurde. Dieses Erbgut jedoch ist ständigen Mutationen ausgesetzt, von denen die meisten negative Folgen haben. Es werden also Mutanten auftreten, deren Aggressionen sich ungehemmt gegen Artgenossen richten. Diese ‚Defekt-Mutanten‘ sind zunächst auf ein gewisses Areal beschränkt. Vergleichen wir nun die Nachkommenzahl in diesem ‚Killer-Areal‘ mit der im übrigen, ‚friedlichen‘ Gebiet, so wird sich die aggressive Population, da sie sich gegenseitig umbringt, insgesamt weniger vermehren als die friedliche, die nur durch äußere Feinde und nicht zugleich ‚von innen‘ bedroht ist. Die geringere Vermehrungsrate der Killer bedeutet aber deren langsames Verschwinden. Die Friedlichen haben den Selektionsvorteil.

Bei allen Arten können also zwar durch Mutation solche aggressiven Varianten entstehen, doch haben diese nur vorrübergehende Existenz.

Nun gibt es aber die Auserwählten, die ‚Könige‘ unter den Tieren, die zwar andere Tierarten fressen, aber selbst – wegen des elterlichen Schutzes – nicht einmal als Jungtiere anderen Arten als Beute dienen. Für diese Arten an der Spitze der Nahrungspyramide gelten andere Selektionsregeln als für alle übrigen…“

Bresch beschreibt in den folgenden Absätzen mit überzeugender Gründlichkeit, wie jetzt hier der Selektions-Mechanismus funktioniert. Danach dann diese Aussagen:

„Eine ganz andere Lösung zur Vermeidung von Überpopulation ist die Tötung innerhalb der eigenen Art. In auserwählten Arten – und nur in diesen – kann sich auch eine solche Defekt-Mutation dauerhaft behaupten…

Auch der Mensch gehörte zu den wenigen Arten der Auserwählten. Seine Horden brauchten praktisch keinen  Feind zu fürchten. Und so wurde der Mensch – durch seine Intelligenz sich selbst zum Feind…“.    

Mein Wissensdrang in elementaren Bereichen ist eigentlich grenzenlos. Und dann gibt es da aber auch die Kehrseite: Eine „Infiltrationssperre“, wenn ich nur rein spekulativen „Wissensbereichen“ begegne. Ich gehe auf Distanz zu allem nur Spekulativen, weil bei jeder intensiveren Beschäftigung damit für mich die Gefahr bedeutet, Lebenszeit durch Leerlauf zu vergeuden. Und so ist mein grundlegendes Informationsinteresse gesteuert von diesen elementaren Einsichten: Ich weiß nicht, woher ich komme. Ich weiß nicht, was meine Bestimmung ist. Aber ich kann mich darüber informieren – wenn ich nun schon einmal existiere: Was garantiert weitgehend ein stabiles Dasein und wie kann ich daran Anteil haben?

Bei Carsten Bresch finde ich also entscheidende Hinweise für diese Zusammenhänge: Bresch sagt – „Selektion hat dafür gesorgt, dass die Hemmung zur Tötung von Artgenossen im Erbgut verankert wurde.“ Ich weiß, dass es diese „Hemmung zur Tötung von Artgenossen“ – und sei es mehr oder weniger vereinzelt – unbedingt auch unter den Menschen gibt. Und ich weiß, dass vereinzelt unter den Menschen die von Bresch beschriebene „Defekt-Mutation“ mit der Neigung zur Tötung von Artgenossen im Daseinsgeschehen Bestand haben konnte und Bestand hat.      

Es gibt eben ganz einfach überhaupt nicht „den Menschen“, bei dem in völliger Einheitlichkeit für die gesamte Spezies Mensch nur ein einziger Wesenszug auszumachen ist. Sondern „der Mensch“ existiert mit einer Vielfalt der unterschiedlichsten Wesenszüge.

Diese charakterliche Unterschiedlichkeit ist individuell bei jedem Einzelnen verankert, ist endogen gesteuert.                         

Das Verhalten jedes Menschen wird fraglos und unbestritten immer auch von den äußeren Lebensbedingen her beeinflusst. Aber aus allen allseits zugänglichen Befunden ist klar ablesbar: Je nach charakterlicher Veranlagung gibt es bei vielen den Wesenszug, im Sinne von konkreter Mitmenschlichkeit zum Guten zu neigen. Und es gibt bei anderen den hierzu „konträren“ Wesenszug in Sachen Mitmenschlichkeit zu jeder Untat bereit zu sein.   

Es hat kaum einen Sinn, wenn man sich auf dieser Stufe von möglichen elementaren Klärungen noch weiterhin im rein spekulativen Raum bewegen wollte. Daher beginne ich mit einer konkreten Materialsammlung von Belegen für die überaus unterschiedlichen Wesenszüge der einzelnen Menschen im Zusammenleben. Dass der einzelne Mensch durchaus immer wieder auch einmal das Verhalten „Bestie“ zeigt ist „zigtausendfach“ belegt und unbedingt auch Untersuchersuchungsgegenstand von z.B. Soziologie und Politologie. Man fragt hier dann zumeist, wie es denn überhaupt geschehen kann, dass der „an sich doch von seinem Wesen her gute Mensch“ in Richtung bösartiger Verfehlung abgleiten kann. Und es wird dann in Ursachenforschung, in Verhaltensexperimenten und Statistiken aufgezeigt, welche Umstände schuld sind für das Abgleiten in Verfehlungen. Merkwürdig – dass es immer nur eine gewisse Anzahl von Menschen ist, die unter völlig gleichen Bedingungen (oft in größter Hemmungslosigkeit) ein intensiv unmenschliches Verhalten zeigen, das bleibt hierbei in geradezu provokativ anmutender Ignoranz ausgeklammert. Wie kommt es denn aber, dass es stets eine Restanzahl von Menschen gibt, die unter gleichen Ausgangsbedingungen nicht zu derartig unmenschlichem Verhalten bereit sind? Eigenartig, so etwas wird so gut wie nie einer genaueren Untersuchung unterzogen. Es wird wohl eher unter „exotisch“ eingeordnet, vielleicht auch unter „Glück gehabt, eigentlich hättet ihr euch doch wie die übrige breite Masse verhalten müssen...“.

Die Menschheit ist zusammengewürfelt aus einer Vielzahl von „Wölfen und Schafen“. Im Zusammenleben haben viele das Los, „Nutzvieh und Schlachtvieh“ zu sein, andere agieren dann als die „Viehhalter“.

Das Zusammenleben gewinnt aus humanistischer oder philanthropischer Sicht seine Stärke dadurch, dass es eben einfach diese „Exoten“ gibt, die von ihrem Wesen her vielleicht keine weiteren Auffälligkeiten zeigen – bis auf diese eine: Konkret und konsequent  zu mitmenschlichem Handeln bereit zu sein.

Hierzu beginne ich eine Materialsammlung:

Frank Mc Court, in „Die Asche meiner Mutter“ eine überzeugend authentisch  biografischer Schilderung seiner Kindheit. Von den äußeren Bedingungen her eigentlich prädestiniert für jede Art von Verrohung; der Vater ein Säufer und hemmungsloser Aufschneider, ein Leben in bitterster Armut. Und trotzdem – intensiver Einsatz für die Mutter, die Schwester, und bei allem, was an Herausforderungen im Überlebenskampf zu meistern war – das Prinzip „Fair Play“ unbedingt aus der eigenen Wesensnatur immer eingehalten.

Der Hamburger Reeder Peter Krämer. Eigentlich als Unternehmer im Konkurrenzgeschehen mit all seinen Geschäftsfreunden die zu erwartende „Normalität“: Vermögensmehrung zur Sicherung des Betriebs und der privaten Rücklagen. Aber der Unternehmer Krämer wagt es den Standpunkt zu vertreten, den Begüterten im Lande sei im Interesse einer größeren sozialen Ausgewogenheit eine höhere steuerliche Belastung zuzumuten. Daneben ganz konkret ein beachtlicher Geldabfluss für verschiedene soziale Projekte.

usw., usf.

Ein Resümee hier: Worauf ich durch besonders Carsten Bresch aufmerksam wurde, die Unterschiedlichkeit der im Erbgut verankerten Wesensverschiedenheit der einzelnen Menschen, diese Unterschiedlichkeit ist ja gerade überhaupt das Spiel der Natur: Immer neue Spielarten von Befähigungen, Begabungen, Charakterzügen unter den Menschen hervorzubringen. Und dazu zählt eben auch – ein angeborener Hand zur Gutartigkeit bei einigen Menschen oder ein angeborener Hang zur Bösartigkeit bei anderen. 

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Das Böse ist nicht überall: Verwirrgeschehen in Soziologie und Philosophie

 Was mich am meisten beeindruckt sind die Geschichten, die das Leben selber schreibt. Es sind die Geschichten über die Erfahrungen, die jeder Mensch mit jedem anderen macht, alles in einem so sehr weitem breiten Spektrum – dabei die Geschehnisse von Fall zu Fall höchst beglückend oder aber auch überaus qualvoll und dies mit allen Zwischenstufen. Das also sind die Geschichten, die das Leben selber schreibt. Und die wir in fesselnden Darstellungen z.B. auch in der schönen Literatur eindrucksvoll nachverfolgen können. Jetzt erlebe ich einen Bereich, der kennt eine solche Auffächerung in allen Höhen und Tiefen der Einzelschicksale kaum. Und trotzdem ist hier „in aller Munde“, wie sich der Mensch nun einmal verhält, wie es um seine Lebensbedingungen bestellt ist. Aber das Einzelgeschehen bleibt außen vor, mit welcher Wucht der Einzelne dabei getroffen werden kann oder aber wie er wegen einer eigenen Unempfindlichkeit, wegen fehlender Sensibilität durch sich selbst „unerreichbar“ ist für eine tiefere Betroffenheit… 

 Das alles bleibt außen vor, wenn man sich die Menschheit in der Wissenschaft der Soziologie als Ganzes vornimmt, wenn man sie unter der Bezeichnung „die Gesellschaft“ in den Griff zu kriegen glaubt. Zu welchen absurden Wertungen es dabei kommt, das greife ich in meinen Texten in „gezielten Attacken“ immer wieder auf. Das mag oft genug zu oberflächlich wirken. Zu Unrecht, wie ich meine. Und deswegen will ich hier einmal meine Überlegungen etwas gründlicher zusammenstellen. Ich will hierbei die eigentlichen Schwachstellen der Soziologie aufzeigen  - und damit zugleich auch das Versagen der Philosophie, wenn hier allzu unüberlegt der Vorgehensweise der Soziologie gefolgt wird. Von daher muss ich mit den folgenden Ausführungen schon etwas in die Tiefe gehen; trotzdem soll es sich doch nur um die Auseinandersetzung mit der gerade angedeuteten „Kernproblematik“ handeln.

 Ich vertrete mit aller Entschiedenheit die Theorie, dass jeder einzelne Mensch - von seiner genetischen Ausstattung her - ganz individuell seine ganz eigenen Charakterzüge hat. Will man dieser These folgen dann ergibt sich daraus: Wie sich der Einzelne gegenüber allen anderen verhält, das ist ganz erheblich darin verankert, mit welchen charakterlichen Eigenarten er von Geburt an ausgestattet ist.

 Jeder, der sich auf irgendeine Weise mit dem „Wesen des Menschen“ beschäftigt, sollte begreifen können, dass diese Theorie eine ganz klare Weichenstellung zur Folge hat:  Der einzelne Mensch entfaltet sich - nach dieser Theorie „von angeborenen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten“ - nicht zu jeder nur immer erdenklichen Verhaltensform; seine Entfaltung (und mag sie noch so sehr von den äußeren Bedingungen her begünstigt sein) findet immer nur im Rahmen der ihm endogen innewohnenden Befähigungen statt.

 D.h. – ist man bereit dieser Theorie zu folgen, dann darf man von jedem einzelnen Menschen keineswegs eine in jeder Richtung offene Verhaltensweise erwarten. Vielmehr sollte man dann davon ausgehen, dass viele Verhaltensweisen kaum veränderbar von der inneren Veranlagung her gelenkt werden. Lehnt man diese Theorie ab, dann gilt selbstverständlich die verbreitete Anschauungsweise vom Menschenbild: Jeder Einzelne ist von Natur aus zu jeder Verhaltensweise befähigt. Ich will zu dieser Thematik nur das Wesentliche herausarbeiten – dabei konzentriere ich mich auf die konkreten Konfliktmöglichkeiten und auf das konkrete Konfliktgeschehen unter  den Menschen im Zusammenleben.

 Im Grunde dreht sich bei dieser Blickrichtung alles dann nur noch darum: Wieviel Entfaltungsfreiheit dem Einzelnen allgemein vertretbar zuzubilligen ist und in welchem Ausmaß der Einzelne ganz nach seinem Gutdünken seine eigene Entfaltungsfreiheit auslebt. Welche Wertmaßstäbe gelten hier? – Ich meine, es sollten  hier die Grundrechte, die Menschenrechte als Maßstab dafür genommen werden, welche Verhaltensweisen des Einzelnen allgemeingültig als vertretbar gewertet werden dürfen und wo Grenzen zu ziehen sind: Die Grundrechte, die Menschenrechte sind so konzipiert, dass jedem Einzelnen in seiner individuellen Eigenentfaltung eigentlich alles offensteht, was nur immer seinen Neigungen entspricht; d.h. nach diesem Wertmaßstab müssen unzählige Verhaltensweisen als wertneutral eingestuft werden: der Einzelne darf tun und lassen, was ihm beliebt! (Auf den Begriff, die Begriffsbildung „wertneutral“ komme ich immer wieder zurück.) Dieses findet seine Grenze aber dort, wo die eigene Entfaltung die ähnlich gelagerten Entfaltungsbestrebungen anderer erheblich verletzt.  Erst genau mit dieser Grenzziehung kommt das elementar Werthaltige für das Verhalten im Zusammenleben, in der Gesellschaft ins Spiel. (Hier verwende ich den Begriff “wertrelevant“; Geschehnisse sind damit gemeint, die von „qualitativer“ Bedeutung für das Ausmaß von Stabilität in einem stabilen Zusammenleben sind, die sich also als „wertrelevant“ bei möglichem Störungsgeschehen erweisen.)   Die Frage nach „gut und böse“ findet hiermit also eine klare Antwort in genau diesen Rahmenbedingungen! Moralvorstellungen mag jeder auf seine ganz eigene Weise haben, spezielle ethische Vorstellungen sind zulässig, dies aber alles nur in dem Rahmen, dass damit nicht die Entfaltungsrechte anderer – also die Grundrechte, die Menschenrechte -  beeinträchtigt werden. (Alles ist dabei so angelegt, dass das Zusammenleben, also die Gemeinschaft selbst auch als schützenswerte Güter gewertet werden, d.h. eine ungehemmte Eigenentfaltung ist für einen insgesamt viel umfangreicheren Bereich unzulässig; unzulässig also auch dann, wenn dadurch nicht nur die berechtigte Entfaltung anderer verletzt wird sondern wenn Schäden in Gemeinschaftsangelegenheiten zu befürchten sind.) Im Kern hat man es hier nur mit den Grundsätzen der goldenen Regel zu tun, wie sie den Menschen für ein allumfassendes Maß von Gut und Böse seit Jahrtausenden vertraut waren. Ich setze diesen Maßstab bei all meinen Überlegungen ein – unter der Devise: „leben lassen und leben“ (also eine unbedingte Bejahung von „leben und leben lassen“, in der vorstehenden leicht abgewandelten Formulierung aber mit Betonung des Lebens- und Entfaltungsrechts aller anderen…).

Von solchen Ausgangsüberlegungen her komme ich zu dem Verwirrgeschehen in Soziologie und Philosophie. Dreh- und Angelpunkt für eine „Versachlichung“ sollen hier nur die konkreten Konfliktmöglichkeiten und das tatsächliche Konfliktgeschehen im Zusammenleben sein. - Wie hier in Bezug auf „die Gesellschaft“ ein großes Durcheinander herrscht, dafür greife ich auf die Doktrin „Kollektivschuld“ zurück. „Kollektivschuld“ ist zwar ein absolut irreführender und in sich selbst sinnwidriger Begriff (im Schrifttum zu genau dieser Frage ist hier alles ganz eindeutig begründet nachzulesen). Aber es lässt sich gerade an diesem Begriff (an dieser „Doktrin“) sehr deutlich aufzeigen, wie hier alles durcheinander gerät…

Denn was lässt sich im Wesentlichen an Folgerungen ableiten, wenn man nur einmal bereit ist, der von mir vertretenen Theorie von „angeborenen, endogen verankerten Verhaltenssteuerungen“ einfach als einer Arbeitshypothese zu folgen? Hier die ganz eindeutige Folgerung - es muss dann auch für die Gebiete der Soziologie und der Philosophie gelten: Ganz gradlinig eine klare Bewertung darin, wie das Verhalten der einzelnen Menschen im Umgang miteinander einzuschätzen ist. Das bedeutet unter anderem: Wir finden dort selbstverständlich nach allgemeingültigen Maßstäben in vielfältiger Form immer auch ein wertneutrales Verhalten vor. Z.B. „alle Menschen atmen“ – das gilt ausnahmslos. Oder „viele haben ein Asthmaleiden“.  Oder „viele sind Allergiker“ – und in diesem Sinn noch Unzähliges sonst, was nur immer an Erscheinungsformen, von Verhaltensformen an Befindlichkeiten vorzufinden ist. Derartige „Verhaltens-Unterschiede“ lassen sich selbstverständlich sehr differenziert erfassen, es sind aber „Verhaltens-Unterschiede“, die (gemessen an der „goldenen Regel“) für das Zusammenleben wertneutral sind. Daneben gibt es zusätzlich auch eindeutig erkennbar Verhaltensweisen, die nach allgemeingültigen Maßstäben (nach den Grundsätzen der „goldenen Regel“) wertrelevant sind. Z.B. weil sie bedrohlich gegen ein grundsätzlich gleichberechtigtes Entfaltungsstreben anderer  gerichtet sind, wenn sie hier die Entfaltung torpedieren oder sogar vollends zunichte machen. - D.h. je nach einer bestimmten endogen verankerten charakterlichen Veranlagung  einzelner Menschen gibt es im Zusammenleben entsprechend eine Offenheit für eine ausgeprägte Mitmenschlichkeit. Oder aber es findet sich nur eine „entgegengesetzte charakterliche Ausprägung“ einzelner Menschen vor, dann wird es folglich auch keine Bereitschaft für ein weitgehend mitmenschliches Verhalten geben.

Wie hier dann die Orientierungsmöglichkeiten durch ein „diffuses Vorgehen“ der Soziologie in ein  verwirrendes Durcheinander geraten und wie ein solches Verwirrungsgeschehen durch „philosophische Begleitung“ verfestigt wird – das möchte ich beispielhaft anhand der nachfolgenden Fundstelle verdeutlichen.      

Es sind sehr tiefgreifende Ausführungen in Traktat über kritische Vernunft von Hans Albert (J.C.B. Mohr…Tübingen 1991). Hier III. Kapitel: Erkenntnis und Entscheidung, 10. Wissenschaft und Praxis: Das Problem der Wertfreiheit. – Verkürzt und sinngemäß geht es um Folgendes. Albert beginnt: Wenn die wissenschaftliche Erkenntnis ein Bereich der gesellschaftlichen Praxis ist, in dem Bewertungen und Entscheidungen eine erhebliche Rolle spielen, dann liegt die Frage nahe, ob sich daraus keine Konsequenzen für das von Max Weber formulierte Prinzip der Wertfreiheit der Wissenschaft ergibt… Dann zeigt sich im weiteren Textverlauf, wie vielschichtig und heikel das Prinzip der Wertfreiheit im Wissenschaftsbereich der Soziologie ist. Albert macht Front gegen die Verfechter einer wertenden Sozialwissenschaft u.a. mit folgender Passage: Mitunter greifen die Verfechter einer wertenden Sozialwissenschaft zu der Aushilfe, eine solche Wissenschaft als unvermeidlich hinzustellen, und zwar aus dem einfachen Grunde, dass eine Neutralisierung der sozialwissenschaftlichen Sprache nicht möglich sei, dass also die Mittel für eine wertfreie Sozialwissenschaft im Weberschen Sinne nicht zur Verfügung stünden… Diese These … kommt dem natürlichen Wertplatonismus des Alltagsdenkens entgegen, nimmt aber keine Rücksicht auf die Tatsache, dass im Laufe der Entwicklung der Wissenschaften eine Disziplin nach der anderen – beginnend mit den physikalischen und den mathematischen Disziplinen – aus dem Bereich der wertenden Betrachtung in den der wertfreien Analyse übergegangen ist…  - Ich bin überzeugt: Ausführungen dieser Art (wie auch sonst viele  gleichgerichtete) sind eine Quelle für die verbreitete Verfestigung eines „soziologischen Denkens in Oberflächlichkeit“.

Es müssen eigentlich nur einige nur einige wesentliche Punkte geklärt werden, um bei einer derart weit gefächerten Argumentation zu einer brauchbaren Grundorientierung zurückzufinden.

Der Fragenbereich „Wertfreiheit in den Wissenschaften“ findet in vielen Abhandlungen Aufmerksamkeit. Ich möchte die bei der obigen Fundstelle „punktuell“  behandelte Problematik zum Anlass nehmen, ein ganz einfaches und überschaubares „Denkgerüst“ zu entwerfen - beginnend mit dem Komplex „Wertfreiheit“. Für mich stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage: Handelt es sich hier um die Klärung und die Auseinandersetzung zu den rein formalen Strukturen eines Wissenschaftsbereiches? Oder zielt die Auseinandersetzung auch auf die inhaltliche Materialfülle eines Bereiches der Wissenschaft? – Rein formale Fragen im Sinne einwandfreier äußerer Strukturen eines Wissenschaftsbereiches sind ein völlig eigener Theorie-Bereich; hier mögen die Formalisten sich austoben. Niemand sollte aber das Inhaltliche einer jeweils bestimmten wissenschaftlichen Materialfülle aus den Augen verlieren. Bei der inhaltlichen Materialfülle ist aber unbedingt immer abzuklären: Haben wir es hier mit einem Material zu tun, das sich nach rein quantitativen Untersuchungsmethoden „durchleuchten“ lässt? Oder handelt es sich um ein Material, das unbedingt auch ein „qualitatives Bewerten“ erfordert? (Auch soweit es um die Begriffe „quantitativ“ und „qualitativ“ geht sind die Auslegungen bei der Soziologie und der Philosophie weit gestreut. Dass und warum hier alles realitätsfern „ausufern“ kann greife ich in einzelnen weiteren Texten immer wieder auf. Ich will „quantitativ“ und „qualitativ“ immer im Sinn eines allgemein üblichen Verständnisses einsetzen, wie es im „Wahrig“ unter den weit mehr als zweihunderttausend prägnant erklärten Stichworten nachzulesen ist: Quantität – Masse, Größe, Umfang; Anzahl… quantitativ – hinsichtlich der Quantität, der Menge, Größe, Anzahl, dem Umfang nach… Qualität -  Art, Beschaffenheit, Brauchbarkeit… Wertstufe; Eigenschaft, Fähigkeit… qualitativ – die Qualität betreffend; der Güte, dem Werte nach)   

Die Zusammenhänge, um die es hier inhaltlich geht, versuche ich deutlich nachvollziehbar herauszuarbeiten. Dafür greife ich noch einmal auf die Doktrin „Kollektivschuld“ zurück. Ich benutze damit beispielhaft die im gängigen Sprachgebrauch häufig auftauchende Formulierung „Schuld der Deutschen an den Verbrechen des Hitler-Regimes durch eine Vergangenheit in der Nazizeit“ (im gängigen Sprachgebrauch „Schuld der Deutschen“ ohne die geringsten Differenzierungen…). Wie bereits erwähnt: „Kollektivschuld“ ist eine irreführende und in sich selbst sinnwidrige Doktrin. Aber ich möchte doch einmal dazu beispielhaft eine ganz simple (fiktive) „soziologische Rechnerei“ durchspielen (es sind von mir unterstellte  und zugegeben völlig absurde „Berechnungsmethoden“, aber gerade auf diesem Weg wird das völlig Absurde, d.h. das in sich selbst Sinnlose und Widerspruchsvolle von „kollektiven Schuldzuweisungen“ deutlich):  Nehmen wir einmal an, es gab zur damaligen Zeit auch die Gerechten unter den Unrechttuenden, dieses z.B. dabei in einem Verhältnis von jeweils zehn Gerechten zu neunzig Unrechttuenden. Das wäre dann in diesem Mengenverhältnis eine quantitativ absolut gültige Aussage. Und man könnte dann daneben qualitative Wertungen über die in der Hitlerzeit verübten Gräueltaten fixieren. Für das gewählte Beispiel bliebe aber die rein quantitative Zuordnung unverrückbar zutreffend: zehn Gerechte, neunzig Unrechttuende. Nach dem heute verbreiteten Sprachgebrauch findet dagegen aber folgende – bei etwas Verstand kaum nachvollziehbare - Rechenmethode statt: Die Deutschen waren zur Hitlerzeit insgesamt alle gleichermaßen in die Nazigräuel verstrickt! Dabei war aber (nach der beispielhaft angenommenen soziologischen Bestandsaufnahme „10 zu 90“) jeder Deutsche aufgrund der inzwischen üblichen „soziologischen Rechenmethode“ jeweils in einer Person angehäuft sowohl zu zehn Prozent gerecht handelnd und zu neunzig Prozent Naziunrecht betreibend. – Genau in diesem Punkt endet für mich jede „Soziologiesympathie-Toleranz“. Es ist nicht hinnehmbar, die Widerstandskämpfer, die Nazihasser, die Retter von verfolgten Juden im Ergebnis auf diese Weise einfach so völlig ununterscheidbar zu vermengen: Das so immer wieder übliche soziologische „kollektive Wahrnehmen der Gesellschaft als einheitlich Ganzes“ kann bei etwas Verstand nur als eine unerträgliche Zumutung gewertet werden. Die Einzelleistung derjenigen, die sich dem Unrechtsgeschehen widersetzten, wird dabei ignoriert, missachtet. Diejenigen, denen das Gräuelgeschehen als Täter, Mittäter, Mitläufer im Einzelfall konkret zuzurechnen ist, erfahren auf wundersame Weise eine gnadenvolle Nachsicht: „Uns kann man doch nicht persönlich allein das ganze Gräuelgeschehen zurechnen wollen. Es waren doch ohne Unterschied alle Deutschen an den damaligen Ereignissen beteiligt.“ – Selbstverständlich ist hier in der qualitativen Wertung von Fall zu Fall noch sehr viel sorgfältiger zu differenzieren, eine einfache Schwarz-Weiß-Malerei mit Hilfe der herausragenden Einzelleistungen reicht nicht aus, um die damaligen Ereignisse zutreffend zu beurteilen. Hier sollte zunächst nur einmal auf den üblichen unerträglichen Sprachgebrauch „alle Deutschen“ als Folge einer verbreiteten „soziologischen Denkweise“ hingewiesen werden.

Nach diesem beispielhaften Ausflug zu der Gedankenlosigkeit von „Kollektivschuld“ bezüglich der Hitlerzeit (ähnlich aber  jeder Gedankenlosigkeit überhaupt, wenn  für spezielle moralische Verhaltensauffälligkeiten en bloc ganze Völker, Nationen, Ethnien undifferenziert in die jeweils gleiche Schublade gepfercht werden), nach dieser beispielhaft wiedergegeben Rechnerei: Zu diesem Themenbereich vertrete ich konstant folgende Hypothese - die „Gesellschaft“ besteht aus einer Fülle von einzelnen Beteiligten mit unterschiedlichen Befähigungen. Sie sind aber bei ihrer Fähigkeit, durch individuelles Einwirken und Mitwirken auf gemeinschaftliche Angelegenheiten in Erscheinung treten zu können, in ihrem inneren Wesen völlig unterschiedlich ausgestattet: Diese Beteiligten der Gesellschaft – die Staatsbürger also – erfüllen charakterlich und von ihren Befähigungen her niemals  eine völlig einheitliche Norm (d.h. sie werden endogen in den Erbanlagen verankert von einer jeweils sehr eigenen elementaren Grundsteuerung gelenkt; das ist meine durch zahlreiche Nachweise belegbare Theorie). Sobald und so oft diese individuelle Unterschiedlichkeit in Gemeinschaftsangelegenheiten lenkend bemerkbar wird, muss sie als „qualitative Größe“ unbedingt Beachtung finden. Im Übrigen mag man quantitativ statistische Zuordnungen vornehmen, soviel man will (das umfasst selbstverständlich auch die – rein statistischen – quantitativen Zuordnungsmöglichkeiten von qualitativen Werten in beliebig angeordneten Rubriken, Blöcken, Diagrammen usw., soweit man sich dabei konsequent an ein rein quantitatives Zuordnungsverfahren hält, also jegliches undurchschaubare Vermengen von exakt definierbaren Qualitäten mit einer „rein quantitativen Gesamtmenge“ durch ein „kollektives Zuordnen“ vermeidet.)

Ich beschäftige mich hier nur “punktuell“ mit dem Problem der Wertfreiheit, wie es geballt in dem Kapitel „Erkenntnis und Entscheidung“ in „Traktat über kritische Vernunft“ nachzulesen ist; die übrigen Entwicklungen in dem „Traktat“ sind „bahnbrechend wertvoll“,  den Eindruck einer insgesamt kritischen Haltung möchte ich unbedingt vermeiden. Damit noch einmal zurück zu der – für mich – „diffusen“ Wertfreiheit: Alles Folgende soll immer allein bezogen sein auf das „inhaltliche“ Material der Soziologie; das rein Formale bleibt dabei – wie gesagt – ausgeklammert. Im Text des „Traktats“ tauchen zwei Argumente auf, die ich als nicht überzeugend werte. Es sind die Argumentationen: a) – eine vielfach bewährte Wissenschaft sei allein schon wegen ihrer überaus erstarkten Etabliertheit weitgehend über kritische Einwendungen erhaben. b) – alle beispielhaft aufgeführten Zweige der Wissenschaft wendeten sich immer intensiver der Richtung zu, völlig wertfrei zu argumentierten.

Die beispielhafte Textpassage zu a): Diese These kann heute eigentlich nur noch eine gewisse Plausibilität für diejenigen haben, die bereit sind, mehr als die Hälfte der modernen sozialwissenschaftlichen Literatur zu übersehen. -  Diese Textpassage mag mehrdeutig gemeint sein, ist aber nach „empirischen Erfahrungen“ kaum nachvollziehbar. Was bedeutet das? Alles, was in einer wissenschaftlichen Literatur wieder und wieder festgeklopft wurde, ist allein schon durch so einen „zwanghaft geläufigen“ Etablierungsprozess sakrosankt? – Einige (eigentlich nur allzu geläufige) Beispiele dafür, wie gerade das Überwinden von allseits gefestigten wissenschaftlichen Überzeugungen zu befreienden neuen Erkenntnissen führte: Alfred Wegener und die von ihm entwickelte Kontinentalverschiebungstheorie. Seine Theorie brachte etwas fast völlig Neues gegenüber allem, was für die Wissenschaft bislang als sakrosankt galt. Max Planck – hier anekdotisch und leicht übertrieben wiedergegeben – mochte aus wissenschaftlich gefestigter innerer Überzeugung selbst nicht glauben wollen und der Verantwortliche dafür sein, wie er mit dem von ihm entdeckten Wirkungsquantum h eine bislang wissenschaftlich als unerschütterlich geltende Weltsicht zum Einsturz brachte. Wunderbar lesenswert dazu all die vergleichbar weiteren Beispiele in Bill Brysons Eine kurze Geschichte von fast allem, eine Vielzahl von Forschungsentwicklungen in oft geradezu grotesker Auseinandersetzung mit der jeweils „verbohrt gefestigten wissenschaftlichen Lehrmeinung“. Bei dieser – eigentlich weithin vertrauten – Blickrichtung ergibt die aufgeführte Textpassage keinen Sinn. Die Textpassage stimmt im Übrigen inhaltlich wenig überein mit der von Hans Albert geschätzten Denkrichtung des Fallibilismus, d.h. dem Vorbehalt, dass – in allen Bereichen – die Problemlösungsversuche falsch sein können.

Die beispielhafte Textpassage zu b): …nimmt aber keine Rücksicht auf die Tatsache, dass im Laufe der Entwicklung der Wissenschaften eine Disziplin nach der anderen – beginnend mit den physikalischen Disziplinen – aus dem Bereich der wertenden Betrachtung in den der wertfreien Analyse übergegangen ist.          

Hier wird es besonders schwierig zu einem klaren Verstehen des inhaltlich Gemeinten zu gelangen. Wie gerade vorausgeschickt: Das rein Formale zu diesem Problembereich muss bei der Klärung der Bedeutung des Inhaltlichen unbedingt ausgeklammert werden. (Denken wir hier z.B. an die grotesk anmutenden Ergebnisse bei gewichtigen Formfehlern in Gerichtsverfahren: Inhaltlich mag ein Rechtsstreit ganz klar nur ein einziges und eindeutiges Urteil zulassen – entscheidende Formfehler aber, z.B. Fristversäumung oder Unzuständigkeit, lassen eine inhaltliche Beurteilung der Rechtsangelegenheit einfach völlig gegenstandslos werden. Hier wird der „unüberwindliche“ Unterschied deutlich zwischen einer rein formalen Bewertung, die auf das Inhaltliche überhaupt nicht eingehen muss und einer in der gleichen Sache inhaltlichen Bewertung, die zu den erstaunlichsten qualitativen Differenzierungen „in der Sache“(!) führen kann.) – Aber um was geht es dann inhaltlich in der Physik? Soll man hier allen Ernstes ohne jede qualitative Wertung auskommen wollen? Soll es hier tatsächlich möglich sein, „inhaltlich“(!) rein quantitativ zu einer auch nur annähend geschlossenen Durchleuchtung aller behandelten Phänomene zu gelangen? Ich meine, gerade hier wird deutlich, dass sich die Bewältigungsversuche zur Wertfreiheit (in der Wissenschaft) in einem ausweglosen Labyrinth festrennen.

Denn es ist doch ganz einfach so: Die Physik war, sobald sie sich aus der Vermessenheit einer frühen rein spekulativen Metaphysik befreit hatte, immer außerordentlich sachbezogen. Um aber die vorzufindenden und vorgefundenen Phänomene zutreffend erfassen zu können reichte ein rein quantitatives Messen, Zählen, Multiplizieren usw. nicht mehr aus. Es musste „qualitativ“ (ich nenne es „wertrelevant“) Einiges an Zusatzfestlegungen hinzugefügt werden, um die fraglichen Phänomene wissenschaftlich bestimmbar zu machen. (Das „physikalische Formelwerk“ besteht nicht nur aus quantitativen Komponenten, es hat meist auch mit qualitativen Größen zu tun.) Denken wir z.B. an die völlig unterschiedlichen Eigenschaften der einzelnen Atomarten selbst, dazu dann aber auch wieder weiterhin die Unterschiedlichkeit von Isotopen, außerdem auch alles, was nur irgend mit der Radioaktivität zu tun hat. Es ist unmöglich, allein hier schon (ernsthaft) ohne jede qualitative Wertung auskommen zu wollen. Ähnliches lässt sich sogar über die Mathematik aussagen: Sobald man sich auf die nichteuklidische Geometrie einlässt, versagen einfache quantitative Bezugswerte. (Hierzu Hinweis auf die Definitionen lt. „Wahrig“ im Text zuvor: Selbstverständlich kennt die Physik ein umfassendes Formelwerk für sämtliche naturwissenschaftlichen physikalischen Phänomene. Aber dieses Formelwerk kommt bei allen komplizierteren Beobachtungen ohne „qualitative Zusatzfestlegungen“ nicht aus.) 

Warum diese Einwände in dieser Ausführlichkeit? Das hat ganz einfach mit meinem Vorbehalt gegen eine „allumfassende“ Verbindlichkeit der Soziologie zu tun. In mehreren weiteren Texten und Textentwürfen suche ich diesen Vorbehalt immer wieder zu begründen, oft dabei auch beispielhaft mit einem Ausflug in die Physik. Mir geht es darum den kolossalen Fehler einer als „allumfassend gültig“ gewerteten Soziologie aufzuzeigen: Das unbekümmerte Vermengen von Aussagen, die sich (zutreffend!) auf rein quantitative Festlegungen beziehen und „hinzukommend“ Aussagen, die ganz eindeutig bestimmte qualitative Größen beinhalten. Es ist schon haarsträubend, was hier alles in rein quantitativen „Quersummenrechnungen“ unterschiedslos miteinander vermengt wird.                  

Mein obiger Text soll nicht als eine weitere Haarspalterei in Sachen „Wertfreiheit in der Wissenschaft“ missverstanden werden. In so einem Fall hätte ich nicht deutlich genug herausgearbeitet, um was es mir in der Sache geht: Das diffuse Vorgehen der Soziologie, sobald es „in der Gesellschaft“ um qualitativ gewichtiges (oder wie ich es nenne „wertrelevantes“) Verhalten geht. Das mag isoliert bezogen auf den Bereich der Soziologie noch hingenommen werden, denn die Soziologie ist – anders z.B. als die Naturwissenschaft – keine „exakte“ Wissenschaft. Aber die Philosophie (auch als eine Geisteswissenschaft, hier aber in der Rolle der Lehre vom Wissen, von den Ursprüngen und vom Zusammenhang der Dinge in der Welt, vom Sein und Denken) sollte sich „allumfassend“ mit jeder (bedeutungsvolleren) Art von Weltsicht auseinandersetzen können; sie hat dabei – im Idealfall – sogar so etwas wie eine „übergeordnete Wächterfunktion“. Und da ist es geradezu beschämend, wie sorglos oberflächlich allseits mit dem Begriff „die Gesellschaft“ umgegangen wird. In meinen weiteren Texten zu dem Dilemma „Fehleinschätzung der Beschaffenheit der Gesellschaft“ liste ich zahlreiche „empirische Erfahrungswerte“ auf für folgende Einschätzungen: 1) Die Gesellschaft ist nicht eine Zusammensetzung von Beteiligten, für die in jeder Beliebigkeit sachliche Bezugswerte und Verknüpfungen hergestellt werden können – ohne Rücksicht auf die qualitative („wertrelevante“) Bedeutung der konstant individuellen Verhaltensweise eines jeden Einzelnen. 2) Die qualitativ („wertrelevant“) individuell unterschiedliche Mitwirkung jeweils eines einzelnen Beteiligten kann (ernsthaft) nur so gedeutet werden, dass der Mensch durch die Evolution diese spezielle Ausformung hat, dass in seinem Inneren (also „endogen“) verankert die unterschiedlichsten Befähigungen von Generation zu Generation (in immer neuen Vermischungen) weitergegeben werden konnten. Vieles davon „wertneutral“, d.h. bei allen Geschehensabläufen „jenseits von Gut und Böse“. Wenn es aber darum geht zu „diagnostizieren“, wie sich diese Verhaltensweisen in bestimmten individuellen  Ausformungen auch einmal schädlich, ja im Extremfall sogar katastrophal auf das Zusammenleben aller Übrigen auswirken kann, dann hat man es hier mit einer Verhaltensweise von ganz besonderer Qualität zu tun. Hier erleben wir, wie es durch das individuelle Verhalten Einzelner „das Böse“ in der Welt tatsächlich gibt. So – auf den Punkt gebracht – ist „das Böse“ niemals „latent überall“; Soziologie und Sozialphilosophie geraten auf einen gefährlichen Irrweg von Inhumanität, wenn hierzu die klar erkennbaren Zusammenhänge mit dem Postulat der Wertfreiheit gedankenlos durcheinander gebracht werden.                

Denn das Böse geschieht  ja durchaus „Mensch gegen Mensch“ an jedem Punkt der Erde, zu jeder Zeit, in jedem Zeitalter. Es geschieht nicht tagtäglich und nicht in jeder Region in der  krassesten Form. Ich habe im obigen Text oft die „Schwarz-Weiß-Malerei“ gewählt, um das im Kern Widersprüchliche der Soziologie deutlich herauszustellen: Die Soziologie verbeißt sich mit großer Uneinsichtigkeit darin, dass unbedingt das Postulat der Wertfreiheit zu gelten habe, dass in der Wissenschaft unbedingt eine Wertneutralität einzuhalten sei. Denn – so meine ich - das Widersprüchliche dabei liegt doch eigentlich klar auf der Hand. So oft und so weit der Mensch in den Daseinsabläufen konkret Wertrelevantes erlebt, kann doch unmöglich „in theoretischer Spekulation“ überzeugend festgelegt werden, aus Gründen der Wissenschaftlichkeit habe etwas Wertrelevantes nicht stattzufinden. Das „Widersprüchliche in sich selbst“ ist doch: Genau diese Festlegung, dieses Postulat kann sich selbst unmöglich „allein und völlig unbefleckt“ in einem „Bereich der Wertfreiheit, der Wertneutralität“ bewegen. Denn genau hier findet doch ganz eindeutig erkennbar ein „Eingriff in die Qualifikation von Wertgeschehen“ statt. Hier liegt doch unbestreitbar diese Sachlage vor: Ein Kämpfer für die Wertfreiheit in der Wissenschaft  nimmt selber die qualitative Bewertung vor, dass es ein Bewerten – wissenschaftlich – nie geben darf, selbst dann nicht, wenn in der Sache Bewertungserwägungen unbedingt möglich sind. D.h. hier wird von einem „Kämpfer für die Wertfreiheit“ in einem entscheidenden ersten Schritt genau das getan, was er sich selbst und allen anderen insgesamt verbietet. Es geht um den unauflösbaren Widerspruch: „Von der Sache her“ mag niemals geboten sein, dass man sich streng in Wertfreiheit zu üben habe. Denn von der Sache her ist ja das „in Erscheinung treten von Wertrelevantem“ tatsächlich immer in Erwägung zu ziehen. Es beruht  daher auf spekulativer Willkür, wenn hier allein durch ein („wertendes“!)  Postulat ausgeschlossen wird, was sich durch keine Lehre, keine Doktrin, kein Dogma aus der Welt schaffen lässt: Dass wir es im Zusammenleben immer auch mit Vorgängen zu tun haben, die wertrelevant sind. Die endlosen Diskussionen zu der „Wertfreiheit in der Wissenschaft, speziell Soziologie“ beweisen ja, dass es hier gar  nicht um echte Sachauseinandersetzungen geht; dann wäre das Problem längst vom Tisch (wie etwa ein  „Sachproblem“ wie das vor rund hundertfünfzig Jahren ob die Evolutionstheorie von Charles Darwin die Oberhand gewinnen sollte über die Sachdarstellung in der biblischen Schöpfungsgeschichte; ein  Sachproblem das sehr zügig und bald endgültig entschieden war). Sondern hier geht es um ein Bewertungsproblem, ob man aufgrund einer willkürlichen wertenden Festlegung in einer Wertungsangelegenheit auf alles Werten verzichten sollte und zu verzichten hat.

Wenn so erst einmal das „Terrain der Wertfreiheit“ mit einem Widerspruch in sich selbst hergestellt ist, dann folgen die oft überaus abstrusen Einschätzungen in „soziologischen Gesamtbetrachtungen“. Die Soziologie will unbedingt daran festhalten: „Je nach der Entwicklung von Einfluss nehmenden Bedingungen verhalten sich die Menschen in der Gesellschaft in einer bestimmten Bandbreite immer angepasst entsprechend diesen Bedingungen“. – Dabei bleibt völlig unberücksichtigt: „Im tatsächlichen Geschehen erleben wir unter den Menschen auch völlig abweichende Verhaltensweisen, der Einzelne folgt in der Gesellschaft nicht der „Entwicklung der Bedingungen“ sondern wählt völlig unangepasst seinem eigenen Weg; und dies nicht völlig irrational sondern in einer „gewissenhaften Abwägung dessen, was für ihn allgemein vertretbar das Beste, das Überzeugendste ist“. Die Soziologie verschließt sich hartnäckig der Problematik, dass hier doch eigentlich ein Phänomen vorliegt, das in einen Katalog offener Fragen zur Gesellschaftskunde gehört. Insoweit bewegt sich die Soziologie in einer „Willkürfreiheit“, wie wir sie bei den Naturwissenschaften – im Ergebnis – nie vorfinden. Taucht in den Naturwissenschaften ein Phänomen auf, für das es nach dem erreichten Stand der Wissenschaft keine eindeutig überzeugende Erklärung gibt, dann weiß man: Es gibt hier im Bereich der Wissenschaft ein Problem, ein Rätsel, an dessen Lösung unbedingt gearbeitet werden muss… Die unerklärlichen Messungenauigkeiten bei der Wärmestrahlung waren so ein Problem, bis Max Planck als Ursache  die Auswirkung eines bis dahin unbekannten „Wirkungsquantums“ entdeckte. Oder das „ungelöste Rätsel“: Albert Einstein entwickelt eine Theorie von überall anzutreffenden unbedingt geschlossenen physikalischen Funktionen. Niels Bohr entwickelt eine Theorie, nach der die physikalischen Ereignisse im Mikrokosmos in völlig ungerichteten Funktionen stattfinden können. Hierzu Pascual Jordan in Der Naturwissenschaftler vor der religiösen Frage: …“Einstein hat die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens einem heroischen Ringen gewidmet, in welchem er Unterlagen zu gewinnen hoffte für eine Zurückführung auch der Quantengesetze auf eine streng deterministische Physik“… - Ich führe dies alles beispielhaft als Beleg an für das entschiedene Vorgehensweise der Naturwissenschaft und im Gegensatz dazu, mit welcher Verbissenheit in der Soziologie empirische Befunde zu den Verhaltensweisen des Menschen in der Gesellschaft dann verdrängt und nicht zur Kenntnis genommen werden, wenn sie mit dem willkürlich gesetzten und in sich selbst widersprüchlichen Postulat von der „Wertfreiheit in der Wissenschaft“ nicht in Einklang zu bringen sind. Soweit von Seiten der Philosophie die Soziologie in dieser Haltung noch bestärkt wird haben wir es mit einer Gesellschaftslehre zu tun, die sich in einem verblendet spekulativen Schwebezustand befindet: Hier mag es im „rein quantitativen Forschungsbereich“ noch so unbedingt überzeugende Resultate geben – soweit es hier für das Erfordernis von schlüssigen Klärungen auch der wertrelevanten Vorgänge in der Gesellschaft keinerlei Aufgeschlossenheit gibt bleiben Soziologie und eine ihr verbundene Sozial-Philosophie im Wesentlichen nur unzureichendes Stückwerk.

Das soeben skizzierte Vorgehen der Soziologie entspricht in etwa der Grundhaltung des Historismus; hier die Denkweise, die die Erscheinungen des Lebens nur aus ihren historischen Gegebenheiten und ihrer historischen Entwicklung zu erklären sucht. Ich wähle für eine zutreffend umfassende Orientierung eine „entgegengesetzte“ Denkrichtung: Von welchen Verursachungen her kommen die bemerkenswerten Ereignisse in der Gesellschaft und im Weltgeschehen zustande? – Zur Erläuterung greife ich hierzu noch einmal auf den mehrdeutigen Satz im „Traktat…“ zurück: „Diese These … (der wohl zahlreichen Verfechter einer wertenden Sozialwissenschaft) … kommt dem natürlichen Wertplatonismus des Alltagsdenkens entgegen…“. Hans Albert macht Front gegen diese Haltung mit Hinweis auf den Siegeszug einer Literatur, die das Erfordernis einer wertfreien Analyse herausstellt. Gerade hier muss doch ein Rätseln über diese mehrdeutige Angelegenheit einsetzen: Wenn also – salopp ausgedrückt – tatsächlich bei den Leuten ein Alltagsdenken mit einem natürlichen Neuplatonismus anzutreffen ist – sollte das nicht der Ansatzpunkt für ein intensiveres Erforschen sein? Für die Soziologie – indem sie diese Tatsache als eine bemerkenswerte Antriebshaltung in der Bevölkerung ernst nimmt, sich dazu dann jedoch ausdrücklich verweigert, derartige Antriebskräfte in der Gesellschaftstheorie zu berücksichtigen? – Zumindest aber für die philosophische Betrachtung – hier also für die Sozial-Philosophie – muss doch ohne Wenn und Aber gelten: „Das tatsächliche neuplatonische Alltagsdenken der Leute“ gehört unbedingt zu dem Deutungsbereich über das Antriebsgeschehen in der Gesellschaft…

Es ist bekanntlich der Ausspruch von Sokrates überliefert: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Hierzu überwiegend die Deutung: Das kann nur ironisch gemeint sein. Sokrates selbst hat uns nichts Schriftliches hinterlassen. Ich versuche daher diese Deutung: „Das, was ich unbedingt wissen will, was es mit dem eigentlichen Ursprungsgeschehen zu allem um uns herum auf sich hat, das weiß ich nicht.“ – Und vor so einer letzten Rätselfrage stehen wir auch, wenn es um die neuplatonische Alltags-Denkweise der Leute heute immer noch bei einer Abwägung von „gut und böse“ geht – woraus erwächst hier je nach individueller Vorgehensweise z.B. ein unbedingtes Einstehen in Verantwortung für eine gerechte Sache? - Das hat mit Wertrelevanz  zu tun, aber hier verweigert sich die Sozial-Philosophie, dieses Phänomen eines tatsächlich gegebenen wertrelevanten Verhaltens ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen. - Und wie verhält sich hierzu im Gegensatz ein Naturwissenschaftler wie Albert Einstein, wenn in seinem Forschungsbereich ein unerklärliches Phänomen wie die Diskrepanz zwischen Allgemeiner Relativitätstheorie und Quantentheorie auftaucht? Sagt auch Einstein: „So ein Phänomen könnte irgendwie wertrelevant sein, aber Wertrelevantes gehört nach einem Siegeszug der Literatur zur wertfreien Analyse auch in der Physik nicht mehr zu den bohrend ungelösten Aufgabenstellungen“…? Ich greife hier noch einmal auf, wie hier „Welten“ in den unterschiedlichen Vorgehensweisen zwischen derzeitigen geisteswissenschaftlichen Denkrichtungen und der Grundhaltung in der Naturwissenschaft liegen:

In seinen Gesprächen mit Pascual Jordan bringt Albert Einstein einfach nur sein unbedingtes „ewiges Klärungsbemühen“ zu einem ungeklärten Phänomen zum Ausdruck.

Bei der Entwicklung dieser Gedanken habe ich – wie mehrfach in anderen Texten erwähnt - vor allem zurückgegriffen auf Zwischenstufe Leben (1983) von Carsten Bresch (‚Genetik-Wissenschaftler‘); hier der Hinweis auf die „Streu-Breite“ bei Evolutionsschritten, insbesondere der Wahrscheinlichkeit eines möglichen „Vernichtungspotentials“ innerhalb der eigenen Art, wenn dieses Vernichtungs-Potential wegen bestimmter geeigneter Absicherungen nicht zur Auslöschung („Selbstmordeffekt“) der ganzen Population führen muss. Weiterhin – gewissermaßen als eine Absicherung meiner Denkrichtung – : Das kooperative Gen (2008) von Joachim Bauer (Forschungsbereiche Genetik, Innere Medizin, Psychiatrie) – hier nachlesbar die zwingend erforderliche Abkehr von einem „dogmatischen Darwinismus“ (Abkehr von verfestigten und starren Lehrmeinungen, mit denen fälschlich  Charles Darwin selbst „dogmatische Überzeugungen“ zugeschrieben werden). Und nicht zuletzt: ALLES FÜHLT (2007) von Andreas Weber. Hier Fundstellen zu meiner seit langem entwickelten Denkrichtung, inwieweit das menschliche Entfaltungsstreben von einer inneren Energie, Dynamik angetrieben wird. (Es geht hier nicht um irgendwie eine „Renaissance“ des – überholten – Vitalismus. Sondern entwickelt wird, mit welcher Entschiedenheit und zugleich auch welcher Bandbreite die inneren steuernden Kräfte wirksam werden, hierzu das Vordringen zu einem umfangreich abgesicherten Verständnis von der letzten materiellen, „stofflichen“ Beschaffenheit des Menschen.) – Dies sind nur sehr verkürzte und stichwortartige Hinweise auf die für mich bedeutsamen Fundstellen; in meiner Textsammlung komme ich mehrfach auf diese Fundstellen zurück. 

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Die goldene Regel in Theorie und Praxis

In der Menschheitsgeschichte hat sich mit der goldenen Regel ein elementarer Orientierungsgrundsatz für ein ausgewogenes Zusammenleben verfestigt, eine leicht verstehbare Verhaltensanweisung, die ganz allgemeingültig jedem vernünftigen Rechtsempfinden einleuchtend sein sollte.

Das Christentum z.B. hat bei dieser Grundregel keine Vorrangstellung. Im Gegenteil, das Christentum hat sein ganz eigenes Regelwerk dafür, was da alles wie ein überbordender Ballast auf den Menschen an Forderungen abzuladen ist, damit er zu einem vermeintlich wirklich untadeligen Leben findet. Daneben hat die goldene Regel nur noch ein Schattendasein, kann in ihren wesentlichen Grundzügen kaum noch voll zur Entfaltung kommen. Das soll an anderer Stelle weiter ausgeführt werden.     

Die goldene Regel lässt sich also in jeder Hinsicht als höchster Rechtsgrundsatz verstehen, und das in der ganz einfachen bekannten Formulierung „was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“.

Aber die goldene Regel ist für sich selbst genommen Theorie. Und das wirkliche Zusammenleben ist die Praxis – wie weit im Zusammenleben tatsächlich nach der goldenen Regel verfahren wird. Eine Bestandsaufnahme. 

Das wirkliche Leben und die goldene Regel: Maßstab sollte hier eigentlich sein, dass im Zusammenleben jeder mindestens so seinen Platz findet, dass sein Existieren, sein Lebensbedarf gesichert ist, ja dass er eigentlich auf solche Weise bei derer Ausstattung an Gütern für den Gebrauch und den Verbrauch keinen Mangel leidet. Denn – nach der Systematik der goldenen Regel -  wird es in einem Zusammenleben mit insgesamt reicher Güterausstattung keiner wollen, dass ihm gerade das widerfährt, dass ausgerechnet er Mangel leiden muss. Nach der goldenen Regel möchte niemand zugefügt bekommen, in diesem Punkt sowas wie ein ewiger Verlierer zu sein.

Aber das wirkliche Leben kennt nun einmal das Phänomen „Schafe und Wölfe“ im gleichen Revier, in der gleichen Region. Und „Schafe“ mögen da in einem friedlichen Miteinander grasen – die „Wölfe“ kennen von Natur aus diese Friedfertigkeit nicht; die goldene Regel ist hier allenfalls ein beliebig interpretierbares Konstrukt für spekulative Denkakrobatik.

Das Ergebnis ist unsere Lebenswirklichkeit: Die goldene Regel ist kein bloßer Traum, keine Vision fern aller Realität. Wenn ganz handfest die Menschenrechte, die Grundrechte als höchste Rechtsgüter Bestandkraft errungen haben, dann vor allem aus dem Bestreben derjenigen heraus, für die das Leben nach der goldenen Regel immer eine Selbstverständlichkeit war. Das unauflösliche Problem dabei: Nicht die Menschheit in ihrer Gesamtheit ist mit der charakterlichen Befähigung ausgestattet, sich in großer Selbstverständlichkeit nach den Spielregeln der goldenen Regel zu verhalten.

Im Zusammenleben aller wird das ganz einfach erkennbar daran, wie sich der Einzelne tatsächlich in dieses Zusammenleben eingefügt sieht. Und da sollte es eigentlich einfach klar sein, dass dabei im Grunde inhaltlich verschiedene Formen des Zusammenlebens miteinander verwoben sind.  - Ich versuche das mit den Begriffen „die Gemeinschaft“ und „die Gesellschaft“ herauszuarbeiten und auseinander zu halten.

Hier eine Kurzcharakterisierung.

Gemeinschaft: Durch etwas Gemeinsames verbundene Menschengruppe. – Das Gemeinsame ist hier, dass latent von Natur aus eine Bereitschaft zur Einhaltung der goldenen Regel auf jeder Ebene vorherrscht.

Gesellschaft: Zweckgebundene, aus Nützlichkeitserwägungen zusammenlebende Gruppe. – Hier fehlt ganz einfach bei den Beteiligten die Bereitschaft zu Gemeinsinn, zu echter Mitmenschlichkeit. Derartiges ist ihnen so sehr wesensfremd, dass sie sich in diese Verhaltensweisen kaum hineinzudenken vermögen. Sie bringen kein Verständnis auf für uneigennütziges mitmenschliches Verhalten.

Dies alles ist nur eine Bestandsaufnahme. Es ist immer „Schicksal“, wie die Gesamtheit der Menschen gerade zusammengewürfelt ist, in der man gerade lebt. Und es ist Schicksal, welche Art „Machtgefüge“ hier gerade bestimmend ist – ob die „Schafe“ alles zu steuern vermögen. Oder ob die Machtausübung bei den „Wölfen“ liegt.                     

Der Schwerpunkt des verbreiteten Meinungsgeschehens liegt bei der Beschäftigung mit den unterschiedlichen Verhaltensformen in der „Gesellschaft“. Mein Interesse gilt nun aber gerade dem Phänomen, dass es die Strömungen gibt, als hätte das Zusammenleben gerade die Merkmale einer Gemeinschaft: „Durch etwas Gemeinsames verbunden zu sein“ – wie es eben durch inhaltlich geprägten Gemeinsinn und durch zuverlässige Mitmenschlichkeit zum Ausdruck kommt. Also Gemeinsinn und Mitmenschlichkeit nicht auf die übliche Weise beschworen in bloßen Lippenbekenntnissen, Sprechblasen, äußeren Fassaden. Sondern in einem echten Tun und Handeln.  

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Von Schafen und Wölfen, Widdern und Hyänen

Man kann in der wahrnehmbaren Welt eindeutig erklärbare Wirkungszusammenhänge entdecken und exakt beschreiben. Das ist  die Welt der Technik, der Naturwissenschaft. Und daneben die Welt des „Geistigen“, hier vollzieht sich alles anspruchsvollere Denkgeschehen, das nicht Naturwissenschaft ist.

In der Welt des Geistigen  gibt es jetzt eine unüberschaubare Flut an Deutungen, was alles für das Menschenleben von Wert ist und einen Sinn ergeben soll.

Bei mir – fast schon so etwas wie eine Obsession: Alles was mir da in Finger kommt versuche ich auf Richtigkeit, Widersprüchlichkeit „abzuklopfen“…

Im Mittelpunkt dabei das, was ich selbst am besten kenne: Das bin ich selbst, also als der einzelne Mensch – mit kritischem Blick in das gesamte Geschehen um mich herum.

Und da gibt es einen ganz entscheidenden Punkt, meine Theorie: Die einzelnen Menschen sind von ihrem „Erbgut“ her unterschiedlich ausgestattet und befähigt. (Das soll nicht im geringsten ein Infragestellen oder auch nur Relativieren eines „allgemeinen Menschenrechtes für alle und jedermann“ bedeuten; es geht nur um meine grundlegende Sicht der Dinge bei speziellen Deutungsversuchen im Zusammenleben überhaupt.)

Also meine Theorie: Bestimmte Befähigungen, Veranlagungen sind in dem Erbgut jedes Einzelnen auf bestimmte Weise „verankert“. Und damit stoße ich dann unter anderem auch auf das Phänomen „Schafe und Wölfe“. D.h. es gibt einzelne Menschen mit der Veranlagung  friedlich leben zu wollen und keinem anderen etwas zu leide tun zu wollen. Und es gibt Menschen die diese Rücksichtnahme nicht kennen sondern ohne Hemmung zum eigenen Nutzen überall da alles aus dem Weg räumen, was ihren eigenen Interessen entgegen steht.

Was für den einzelnen Menschen oder auch die gesamte Menschheit von grundlegender Bedeutung ist, darüber wurde wohl schon seit Menschengedenken nachgedacht. Ich meine dabei so Zielrichtungen für das Denken wie „das Gute“, „das Bessere“, „das Vernünftige“ in zahlreichen Varianten. Ich habe hier meine ganz eigene Auffassung, die ich in meinen Texten immer wieder umreißen werde. 

Um aber all dieses Gegensätzliche besonders augenfällig werden zu lassen will ich hier noch einmal die symbolhaften Begriffe „Schafe“ und „Wölfe“ benutzen; das soll im Sinn der Kunstgattung „Fabel“ lediglich charakteristische Eigenschaften einzelner Menschen in einer knappen Symbolik umreißen – also niemals vordergründig Schmähung oder Verunglimpfung sein. Diese Begriffsbildung ergänze ich dann auch noch um „Widder“ und „Hyänen“. „Widder“ – wenn die vermeintlichen Schafe auch einmal Gegenwehr, Widerstand, Stärke gegen Beeinträchtigungen zeigen. Und „Hyänen“ – wenn das Lager der Wölfe anscheinend einmal untypische Verhaltensformen zeigt. Nicht einfach nur das Wolfsrudel in typischer Jagdlust – mit speziellen Kunstfertigkeiten: In einen Schafspelz schlüpfen, Kreide fressen, die Pfote mit Mehl weiß einfärben. Sondern wenn, wo man den Wolf überhaupt nicht mehr vermutet (in welcher Tarnung auch immer), dennoch aus der Dunkelheit heraus unvermutet die Schafe gerissen werden.

Warum diese „Simplifizierungen“? – Es begegnen einem von dem Bereich der Soziologie her (ähnlich „Bereich der Psychologie“) Erklärungsmodelle, die das Menschheitsgeschehen immer nur wie ein gewaltiges Räderwerk deuten: Unzählige Räder greifen ineinander, bewirken dies, bewirken das… Aber die Dynamik, die Verantwortlichkeit, wie sie speziell von der unterschiedlichen charakterlichen Beschaffenheit der einzelnen beteiligten Menschen ausgehen, kommen hier nicht vor. 

Für das, was ich als „die Möglichkeit der unterschiedlichen Sichtweisen“ zu veranschaulichen suche, dafür einiges beispielhaft aus der Literatur, die ich gerade durchgehe.

TAUSCHEN UND TÄUSCHEN von Manfred Drennig (UEBERREUTER 2008) - mit bewundernswert knapper Sachlichkeit bei großer Materialfülle werden sehr fundiert Informationen zu Wirtschaft, Religion, Politik und Gesellschaft geboten. Aber dabei durchgehend doch auch immer dies (aus dem Vorwort): „… Weitergeben möchte ich vor allem die gewonnene Überzeugung, dass die negativen Seiten heutigen Zusammenlebens nicht als moralischer oder wie immer begründeter Verfall einer möglichen besseren Ordnung zu sehen sind, sondern, schlimmer, als logische Konsequenz des Verhaltens von uns allen, gerade weil wir diese subjektiv für ‚vernünftig‘ halten…“ Diese Wertung, ja Stigmatisierung „Verhalten von uns allen“ zieht sich durch das ganze Buch, schwerpunktmäßig werden alle bedeutsamen Höhen und Tiefen der Menschheitsgeschichte beleuchtet – aber nie kommt darin der einzelne Mensch als ein Verursacher vor; beschrieben wird nur das große Räderwerk, in dem jeder Beteiligte nur „ein Rädchen oder Rad im Getriebe“ ist…

Das kleine Buch der Erde/Wohin gehen wir? von James Bruges (Riemann 2004/2006). Hier in geballter übersichtlicher Form ganz konkret die gewichtigen Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen. Aber dabei immer die Tendenz: Wer genau sind die Verursacher? Welcher Schaden von welchem Verursacher wurde bisher angerichtet? Und wer wiederum hat versucht mit welchen Maßnahmen den konkreten unheilvollen Entwicklungen entgegenzuwirken?

Ich versuche also gegenüberzustellen die heute üblichen „Moralappelle“ als reine Sprechblasen, die sich an jeden und zugleich auch niemanden richten – an die immer wieder beschworene („gesichtslose“!) „Gesellschaft“ nämlich. Und demgegenüber ein tatsächlich veranwortungsbewusstes Handeln konkret im Zusammenleben. Hierzu noch aus dem Vorspann von Das kleine Buch der Erde: „… Denken Sie auch darüber nach, was Sie in Ihrem eigenen Leben und in Ihrem Umkreis ändern könnten. Wie Adlai Stevenson über Eleanor Roosevelt gesagt hat: ‚Sie wollte lieber eine Kerze anzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen, und ihr Licht hat die Welt gewärmt.‘…“

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