Realgeschehen

alsOrientierungsverankerung

 

Realgeschehen als Herausforderung an die Vernunft

Das teuflisch Reale an der Irrealität

Realitätsblindheit durch Schwachstellen des Geistes

Froschflug himmelwärts als einprägsame Warnung

Denken in realitätsorientierten Dimensionen

 

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Realgeschehen als Herausforderung an die Vernunft  

Man sollte eigentlich - denke ich – so oft wie möglich im Leben auf die Fähigkeiten der Vernunft zurückgreifen. Vernunft wird definiert als der bewußt gebrauchte Verstand in Richtung von Einsicht und Besonnenheit. Diese Nutzungsmöglichkeit ist – meine ich – ein „Jedermann-Gut“. Jeder kann aus seiner eigenen Lebensposition heraus für sich uneingeschränkt („gegen den Rest der Welt“) in Anspruch nehmen, alles, was ihm begegnet, mit Vernunft beurteilen zu wollen.

Für mich ist hier uneingeschränkt der Ansatzpunkt immer: das „Realgeschehen“. Unter Realgeschehen soll alles das verstanden werden, was uns bei unserer Lebensentfaltung als etwas tatsächlich Erfahrbares wahrnehmbar begegnet. Tatsächlich erfahrbar durch die Wahrnehmung mit unseren Sinnen, also alles das, was uns nur irgend – ob direkt oder indirekt – durch unser Wahrnehmungsvermögen zugänglich wird.

Unser Leben wird selbstverständlich auch noch von vielen sonstigen Vorgängen beeinflusst die außerhalb des tatsächlich mit den Sinnen Wahrnehmbaren liegen. In unseren Gedanken können wir uns Welten ersinnen und konstruieren fernab der tatsächlich wahrnehmbar erfassbaren Wirklichkeit. Hier geraten wir in einen konfliktträchtigen Grenzbereich: Es ist unmöglich ohne jedes Gedankenspiel auskommen zu wollen. Mit unserem Denkvermögen stoßen wir unablässig immer auch in „irreales Geschehen“ vor. Was alles in Gedanken sich nur immer erdenken, erahnen, erhoffen und  befürchten lässt, machen wir zu einem Bereich unseres wirklichen Lebens. Konfliktträchtig ist dieses Geschehen, weil wir dabei stets die Kontrolle verlieren können, ob unsere reine Gedankenwelt noch mit der „realen Welt“ vereinbar ist oder als letztlich reine „Irrealität“ kaum noch einen echten Zusammenhang mit der realen Welt hat.

Für mich ist der Ansatzpunkt für den Gebrauch der Vernunft unter diesen Bedingungen immer die Hinwendung zu allem tatsächlich wahrnehmbar Erfahrbaren. D.h. ich folge - weil man sich dem ja sowieso unmöglich völlig entziehen kann – immer mit Entschiedenheit auch dem Spiel der Gedanken. Aber setze zur Kontrolle immer auch mein Denkvermögen ein: Wie weit hat mein Denken noch mit den tatsächlichen Gegebenheiten der realen Welt zu tun? Und wie weit verselbständigt sich mein Denken und konstruiert Vorstellungen, die mit den Gegebenheiten der realen Welt nicht mehr vereinbar sind? Geschieht Letzteres, dann hat bei mir unbedingt die Vernunft einzusetzen: Meine Lebensgestaltung und Daseinsbewältigung müssen von so einem Gedankenwirrwarr möglichst verschont bleiben.    

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Das teuflisch Reale an der Irrealität 

Irrealität zustande bringen – das kann nur der  Mensch, das ist ein Privileg des Menschen: Dinge und Geschehnisse, die es in der Realität (beweisbar) tatsächlich so überhaupt nicht gibt - der Mensch vermag sie mit seinem Denken als Realität zu zementieren.

In der jüngeren Vergangenheit wurden zu Tausenden Frauen als Hexen verbrannt. Über Jahrhunderte war es einfach Realität: Es gibt Hexen. Es gibt Hexerei. Krankheiten, Viehsterben, Dürreperioden und dergleichen tausendfach mehr – alles war schlüssig und unwiderlegbar auf das Wirken von Hexen zurückzuführen. Das Irreale gewinnt im Tun und Handeln der Menschen durch Glaubensbereitschaft und innere Überzeugung eine unbedingte ganz alltägliche Realität. Die Fähigkeit zur Vernunft wird absolut blockiert. Und das ist dann das Teuflische, wenn das Irreale (d.h. ein Geschehen, das für sich selbst genommen überhaupt keinen Platz in der Realität hat) im Handeln und Wirken der Menschen als Bestandteil alles Realen einen großen Raum einnimmt.

Oder die aktuellen Geschehnisse: Es entstand innerhalb weniger Jahre ein Finanzmarkt, der kaum noch einen realen wirtschaftlichen Hintergrund hatte. - Geld hat die ganz reale Funktion, tatsächlich verfügbare Güter und Leistungen in Umlauf bringen zu können. Mit Geld wird ein Gegenwert dafür garantiert, dass man ein angebotenes Wirtschaftsgut, eine angebotene Leistung für die vereinbarte Geldsumme in ein annähernd gleichwertiges Wirtschaftsgut „eintauschen“ kann. Das Ganze wird dadurch flexibel, dass zeitlich kein „Soforttausch“ stattfinden muss. Sondern auch - z.B. ein „reales“ (d.h. wirklich überzeugendes) Leistungsversprechen in die Zukunft gerichtet -  ist ein ganz handfester stabiler Faktor des Finanzmarktes. Und wer die in seinem Eigentumsbereich angehäuften Güter leihweise anderen zu deren Nutzung überlässt, erhält dafür marktüblich eine Vergütung – die „Verzinsung“. Das ist der Kern des tatsächlichen Realgeschehens, hier mit der simpelsten Beschreibung dargestellt. Was wir jetzt aktuell erleben dürfen: Ein völliges Abgleiten in die Irrationalität: Der Finanzmarkt hat sich in Richtung eines nur virtuellen Marktgeschehens verselbständigt, das mit dem realen Marktgeschehen kaum noch Übereinstimmungen hat. Die Werte, mit denen  hierbei  agiert wurde und wird, sind tatsächlich nur virtuelle Werte. Das Teuflische an der ganzen Angelegenheit aber: Alles, was so nur irrational zustande kommt, was nur virtuell existiert, erlangt im alltäglichen Handeln und Geschehen Realität.

Virtuelle Scheinwelten – dort vollzieht sich ein Leben wie unter Drogenbeeinflussung, wie  in einem konstanten Drogenrausch. Eine Realitätskontrolle wird oft genug hartnäckig abgewehrt und ausgeblendet. Man lebt in einer Scheinwelt mit der Überzeugung, hier die Welt in ihren zutreffendsten Ausformungen vorzufinden. Dabei handelt es sich in Wahrheit doch nur um ein willfähriges Ausgeliefertsein an - im Extrem – irrwitzigste Wahnvorstellungen, wie sie nur das menschliche Hirn ersinnen kann. Die Fähigkeit zu einer ehrlichen Wirklichkeitsbewältigung wird dabei eingebüßt. Und das schafft zugleich einen großen Raum für alle Arten von Manipulationen, wenn Menschen – gemessen  an den tatsächlichen Bedingungen der realen Wirklichkeit - in ein beliebiges Abseits gelenkt werden sollen. 

Mit welcher Intensität sich das Irreale in der Realität zu „verfestigen“ vermag – dafür greift Richard Dawkins in DER GOTTESWAHN (Ullstein 2007) auf die Parabel von der himmlischen Teekanne zurück, wie sie von Bertrand Russel formuliert wurde. Russel: Viele strenggläubige Menschen reden so, als wäre es die Aufgabe der Skeptiker, überkommene Dogmen zu widerlegen, und nicht die der Dogmatiker, sie zu beweisen. Das ist natürlich ein Fehler. Würde ich die Ansicht äußern, dass eine Teekanne aus Porzellan zwischen Erde und Mars auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreist, so könnte niemand diese Behauptung widerlegen, vorausgesetzt, ich füge ausdrücklich hinzu, die Teekanne sei so klein, dass man sie selbst mit unseren stärksten Teleskopen nicht sehen könne. Würde ich dann aber behaupten, weil man meine Behauptung nicht widerlegen könne, sei es eine unerträgliche Überheblichkeit der menschlichen Vernunft, daran zu zweifeln, so würde man mit Recht sagen, dass ich Unsinn rede. Würde die Existenz einer solchen Teekanne aber in antiken Büchern bestätigt, jeden Sonntag als heilige Wahrheit gelehrt und den Schulkindern eingetrichtert, so würde jedes Zögern, an ihre Existenz zu glauben, zu einem Kennzeichen von Exzentrik, und der Zweifler würde in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit von Psychiatern erregen, in einer früheren Zeit dagegen die der Inquisitoren. - Und Dawkins hebt hervor: Russels Teekanne steht natürlich für eine große Zahl von Dingen, deren Existenz man sich ausmalen und nicht widerlegen kann.

Vieles von dem, war wir durch wahrnehmbare Ereignisse erfahren, können wir in Richtung der allerletzten Ursachen nicht entschlüsseln. Das ist ganz einfach unser Los, unser Schicksal: Wir verfügen zwar über Erkenntnisvermögen – aber in letzten grundlegenden Fragen stoßen wir auf unüberwindliche Grenzen (davor ist auch Richard Dawkins nicht gefeit). Das Teuflische an dieser Ausgangslage ist aber, dass dieses „in vielen Grundfragen im Ungewissen bleiben müssen“ vom Vielen als Freiraum genutzt wird für ein völlig hemmungsloses Vermengen von Eingebungen aus einer reinen Fantasiewelt mit den tatsächlichen Erfahrungen aus unserem Wirklichkeitsgeschehen.                     

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Realitätsblindheit durch Schwachstellen des Geistes       

        wird noch eingefügt

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Froschflug himmelwärts als einprägsame Warnung

Im Eingangsbereich zur Wohnung schwebt ein geradezu unmöglicher Frosch: Irgend so ein Billigprodukt aus Fernost, aus Holz geschnitzt, gestreckte Froschschenkel, sinnierende Augen, etwas goldene Bemalung auf einem grünen, stellenweise rot verzierten Körper - und dazu die ausgebreiteten Flügel, etwa wie die eines kreisenden Bussards.

Warum habe ich so etwas Exotisches in meiner Wohnung angebracht? (Immer wieder mal, wenn ich zu stürmisch in die Wohnung eile, kracht die Tür gegen den fliegenden Frosch!)

Der Grund ist das bebilderte Gedicht "Der fliegende Frosch" von Wilhelm Busch. Wir sehen dort den massigen Frosch hochzufrieden im Baum, hoch oben auf abgestorbenem Geäst sitzend - bestaunt von einem kleinen Piepmatz auf einem Zweig nebenan: "Wenn Einer, der mit Mühe kaum / gekrochen ist auf einen Baum / " - und strahlend startet der Frosch himmelwärts, die vorderen Schwimmhautfüße selig zum Weiterflug ausgebreitet; der kleine Piepmatz flattert freudig über ihm... / " - schon meint, dass er ein Vogel wär / " - jetzt Absturz des Frosches, er schlägt kopfunten am Erdboden auf, die hinteren Schwimmhautfüße noch erschrocken nach oben gestreckt. Der kleine Piepmatz auf einem Zweig sucht sichtlich nach einer Erklärung für diese Zusammenhänge. / " - so irrt sich der." Ja, „Froschflug himmelwärts“, das war`s.     

Wilhelm Busch hat diese Thematik mehrfach bearbeitet; dieser Vierzeiler ist die Quintessenz. Und ich nehme es als einprägsame Warnung, wenn ich bemerke, dass da irgendwo allzu vergeistigte Höhenflüge stattfinden. Oder wenn ich Gefahr laufe auch selber zu irgendwelchen gewagten wirklichkeitsfernen geistigen Höhenflügen zu starten.

Ich mag nur mit dem gedanklich beschäftigen, was um mich herum tatsächlich geschieht und wie es tatsächlich geschieht - nicht aber, wie man sich vermittels Phantasie und Einbildung einreden könnte, dass auch alles nur rein spekulativ Erdachte Teil des wirklichen Geschehens im weitesten Sinne sei. Ideen können sich sozusagen verselbständigen und dabei zugleich alles tatsächliche Geschehen wie etwas allzu Lästiges von sich abschütteln. Aber sie sind dann in Wahrheit nicht mehr zutreffend wirklichkeitsbestimmend.

Es tun sich selbstverständlich immer wieder faszinierende Denkspiele und Denkmöglichkeiten auf, wenn man sich mit den Grenzbereichen der tatsächlich erfahrbaren Realität beschäftigt. Aber hier sind enge Begrenzungen gesetzt, wenn man nicht letztlich in der Bodenlosigkeit vorwiegend spekulativen Denkens landen will. Um mir das immer und immer wieder fest einzuprägen, dafür hängt gleich hinter der Tür der geradezu unmögliche Frosch. Und wenn ich dann allzu stürmisch die Eingangstür aufstoße und dabei den Frosch fast zum Absturz  bringe, dann ist das für mich das Warnsignal: Immer aufpassen! Nicht und niemals auf hochtrabendes aber doch eigentlich inhaltsleeres Gefasel reinfallen!           

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Denken in realitätsorientierten Dimensionen

Denken, Denkvermögen – eigentlich ein unbegreifliches Phänomen, einfach so etwas wie ein einzigartiges Geschenk des Himmels oder ein unfassbares Wunder der Natur, der Evolution. - Denkend vermögen wir uns in unserem Inneren eine völlig eigene Wirklichkeit zu erschaffen.

Der erste Anknüpfungspunkt bei allem Denken ist aber zunächst immer das Wahrnehmbare einer eigenständig existierenden Außenwelt. Und ab da beginnt die Bandbreite menschlichen Denkens: Eine „Richtungsmöglichkeit“ – intensiv, rigoros, unablässig entschlüsseln zu wollen, was es mit den vorzufindenden Erscheinungsformen der Außenwelt auf sich hat. Und dann aber auch die demgegenüber völlig andere „Richtungsmöglichkeit“ – sich fantasievolle Zusammenhänge beliebiger Art zusammen zu spekulieren.   

Ein Wegbereiter für mehr Klarheit im Denken bei der Entschlüsselung der Rätsel der wahrnehmbaren Daseinsgegebenheiten ist Immanuel Kant. Aber wenn Kant auch (und das immerhin sehr entscheidend!) daran mitgewirkt hat, den Weg für gerade diese Denkhaltung zu bahnen, so ist er dabei doch nicht zu insgesamt letzten, unumstößlich gültigen Aussagen gelangt.

Mir geht es nicht darum, mich hier kritisch in vielen Einzelheiten mit Kants Thesen auseinanderzusetzen und Schwachstellen aufzuzeigen. Ich nutze vielmehr die von Kant vollzogene philosophische (erkenntnistheoretische) Wegbereitung als die befreiende Denkorientierung, um in vielen Dingen und Bereichen völlig neu die vorzufindenden Gegebenheiten der Außenwelt zu enträtseln.

Jeder Mensch durchlebt diesen Prozess, sich „ab dem Erblicken der Welt“ mit den Zusammenhängen in der wahrnehmbaren Außenwelt zurecht finden zu sollen. Und da eignet er sich dann Schritt für Schritt „denkend“ an, welche Bedeutung all den Geschehensabläufen um ihn herum zukommt. Es mischt sich dabei immer alles: Ein allgemeingültiges und immerfort überprüfbares Verstehen des Geschehens, dann aber auch ein „Hinzudenken“, wenn Vieles von einem eindeutigen Verstehen her im Unklaren bleibt. Und ab da wiederum – je nach individueller Haltung – auch der Ausweg (oder besser „Irrweg“) zu einem nur erdachten Weltbild und zu nur erdachten Weltzusammenhängen in gedanklichen Spekulationen.

Für niemanden muss das nur Erdachte (und ähnlich auch: das nur Geglaubte) allein schon wegen verfestigter Lehrmeinungen unbedingt überzeugend sein. Keine noch so legendäre Überlieferung hat allein schon wegen ihrer vielleicht grandiosen Herkunft einen unumstößlichen Wahrheitsgehalt. Jeder kann sich über all diese Dinge selbst noch mal den Kopf zerbrechen. – Für jeden kann es vielmehr die Herausforderung sein, durch ein „Überdenken“ auch zu einem weiteren Entschlüsseln von längst vorzufindenden Zusammenhängen zu gelangen.                                    

So sind also die durch die Kraft des Denkens (oder „inneren Überzeugungen“) zustande gekommenen Weltbilder nie von vornherein völlig unkritisch zu akzeptierende „Wahrheiten“. Das ist der Anreiz sich immer von neuem mit der „Schlüssigkeit“ auseinanderzusetzen.

Und damit noch einmal zurück zu Kant. Ein Hauptanliegen von Kant – alles nur spekulativ Erdachte als „haltlos“ zu entlarven. Aber die ganz konkreten Einsichten, die er dabei gewann, nahmen dann den Anschein von unwiderlegbaren, endgültigen Postulaten an. – Man dürfte sich eher in den Denkbahnen von Kant bewegen, wenn man genau in diesem einen Punkt das Denken nicht zum Stillstand kommen lässt. D.h.: Man folgt der großen Linie, alles nur spekulativ Erdachte abzulehnen, man ist aber dann auch bereit, die noch zutreffenderen Einsichten über die tatsächlichen Daseinszusammenhänge zur Kenntnis zu nehmen.   

Hierfür als Beispiele so Lehrmeinungen wie seit Kant verfestigt:

„Raum und Zeit a priori…“   - gerade hier kann man die viel tieferen Zusammenhänge wesentlich eingehender begreifen.

„Kategorischer Imperativ“ – was für das eigene Verhalten unbedingt vertretbar sein könnte mag so auf den Punkt gebracht sein.  Nur: Wie finde ich mich damit in allen tatsächlich vorzufindenden Formen des Zusammenlebens zurecht?      Usw.   usf.   

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